Seit der Erfindung des Flugzeugs habe sich der Heimatbegriff geändert, und er denke über die Tatsache, dass er Jude sei, "eigentlich nicht mehr nach", hatte der Historiker und Schriftsteller Walter Laqueur noch 1989 in einem Interview erklärt. Jetzt, einige Monate vor seinem 80. Geburtstag, sieht er das anders. Sein Schlüsselerlebnis war, wie er berichtet, der Aufenthalt vor einigen Jahren im Hadassa-Hospital in Jerusalem, als er Gelegenheit hatte, in nächtlichen Diskussionen mit anderen Patienten die Geschichte seiner Generation zu reflektieren. Das Ergebnis dieser Reflexion liegt nun in publizistischer Form vor. Es ist der Versuch, das Porträt jener deutsch-jüdischen Emigrantengeneration zu zeichnen, die zwischen 1914 und 1928 geboren wurde. Dabei geht es also nicht um die schon damals berühmten Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler wie Sigmund Freud, Albert Einstein, Kurt Tucholsky, Theodor W. Adorno, Stefan Zweig, Arnold Schönberg, Max Born oder Fritz Kortner, sondern um diejenigen deutschen und österreichischen Juden, die bei Hitlers "Machtergreifung" noch zur Schule gingen, die Universität besuchten oder sich in der Berufsausbildung befanden.

Zahlenmäßig umfasste diese Generation etwa ein Drittel der rund 280 000 aus dem deutschen Kulturbereich vertriebenen Juden.

Natürlich handelt es sich auch hier nicht um eine homogene Gruppe. Manche gingen gleich 1933, andere buchstäblich in letzter Minute. Sie wurden in alle rettenden Himmelsrichtungen verstreut: in europäische Nachbarländer als Durchgangsstationen, nach Palästina, Amerika, Australien oder China.

Abgesehen von der geografischen Verteilung, gab es auch beträchtliche soziale und kulturelle Unterschiede zwischen diesen jungen Flüchtlingen der Vorkriegsjahre. Entsprechend unterschiedlich waren oder sind die Erinnerungen dieser jüdischen Generation an die Kindheit in Deutschland.

Der Historiker George Mosse zum Beispiel hatte äußerst angenehme Erinnerungen an den Luxus seiner Familie. Das Vermögen seines Großvaters Rudolf Mosse, der das berühmte Berliner Presseimperium aufgebaut hatte, wurde von den Finanzbehörden im wilhelminischen Deutschland auf 50 Millionen Goldmark geschätzt, und auch der aus Wien stammende Verleger George Arthur Weidenfeld (später Lord Weidenfeld of Chelsea) spricht in seinen Memoiren von einer "sonnigen Kindheit". Ignatz Bubis hingegen, dessen Familie aus Polen (von der er als Einziger den Holocaust überlebte) eingewandert war, konnte sich nur an Armut und Elend in der Breslauer Vorstadt erinnern. Das seelische Befinden dieser Generation, so betont der Autor, lasse sich nicht verstehen, wenn man sie lediglich als Reaktion auf den Nationalsozialismus betrachte. Die Älteren seien noch geprägt vom Weimarer Mythos der deutschen Kultur, einem Bildungswesen mit demokratischen Zügen.

Die meisten jüdischen Kinder im schulpflichtigen Alter hatten deutsche Schulen besucht. Die kulturellen Interessen der Jüngeren hielten sich naturgemäß in Grenzen und entsprachen den üblichen Interessen der jeweiligen Altersgruppe. Während die Älteren noch in späteren Jahren sentimental wurden, wenn sie sich an eine klassische Aufführung des Jedermann erinnerten, konnten Jüngere, wie Henry Kissinger (der in Fürth zur Schule gegangen ist) oder Peter Gay, noch nach 50 Jahren die Aufstellung einer führenden deutschen Fußballmannschaft aufsagen. Die Mehrheit war nicht besonders religiös, aber eine nicht unbedeutende Minderheit praktizierte ihren Glauben. Für die Jugendlichen, die aus assimilierten Familien stammten, kam die erzwungene Emigration einem Schockerlebnis gleich. Noch Jahrzehnte später produzierten die traumatischen Sequenzen "böse Träume". Verschiedene Gesprächspartner haben dem Autor von plötzlichen Panikattacken, Klaustrophobien und Agoraphobien berichtet, "die jahrelang anhielten".

Für die Mitglieder der zionistischen Jugendbewegung hingegen war es kein Trauma, Deutschland zu verlassen, sondern die Verwirklichung eines alten Traums. Laqueur zitiert aus Briefen, in denen beschrieben wird, wie Deutschland scheinbar schnell aus dem Bewusstsein verschwand, dass die "neuen Elemente" immer stärker wurden und die Sprache abhanden kam, mit den in Deutschland zurückgebliebenen Eltern zu reden. Solche Briefe kamen nur aus Palästina, "nie aus Schanghai, London und New York". Nach schwierigen Anfängen haben auffallend viele in ihren Aufnahmeländern Karriere gemacht - in Kultur, Wirtschaft, Politik und Militär. Nicht wenige haben beim Aufbau Israels maßgeblich mitgewirkt.