Was ist das Angenehme am Applaudieren? Man hat keine Hand frei, um etwas zu tun, gleichzeitig aber das gute Gefühl, dass die Welt sich wieder gebessert hat. Denn mit ein bisschen Glück ist nicht bloß ein Weitsprungrekordler noch zwei Zentimeter weiter gehüpft oder der Starbassist einen Ton tiefer geklettert, sondern ein edelmütiger Mitmensch für uns in die Bresche gesprungen. Erlöse uns von dem Übel! Je näher schmähliche Jubiläen wie das der Reichskristallnacht rücken, desto flehentlicher wird alljährlich der Wunsch nach Absolution. Die 13 deutschen Luther-Städte haben jedenfalls einen hübschen Ablasshandel getätigt, als sie am 9. November den Preis Das unerschrockene Wort an die Polizeipräsidentin von Eberswalde vergaben. Uta Leichsenring ist eine Aktivistin gegen den Rechtsextremismus. Sie hat Polizisten beauftragt, mit jungen Neonazis zu sprechen, und blieb unnachgiebig gegenüber Beamten, die Vietnamesen verprügelt hatten.

Bewaffneter Friede oder, mit Luther zu sprechen: "Sanfte Worte, harte Strafen." Wer zur Ordnung beiträgt, gilt in Deutschland offenbar als kühn.

Wenn gute Werke nicht mehr aus dem rechten Glauben herrühren, dann wenigstens aus der Entrüstung über rechts. Aber etwas gottgefällige Nachsicht muss auch sein. Wir wissen es von Funny van Dannen, "Gutes tun ist gar nicht schwer, zuhause und im Kreisverkehr ... Weniger fernsehn, öfter zu Fuß gehn ... Sich gründlich informieren, mit Nazis diskutieren ..." Klar, dass Martin Walser den Preis nicht bekommen durfte. Da sind die Juroren vor der eigenen Courage erschrocken und haben sich an die Bibelstelle erinnert: "Wandere nicht mit dem Tollkühnen, dass er dich ins Unglück bringe."