Herr Seibt, überall da, wo Sie sich niederlassen, wird man von Ihnen verlangen, sich einer - nennen Sie es ruhig "Leitkultur" - unterzuordnen.

Ziehen Sie doch mal spaßeshalber in die Türkei oder nach Afrika - Sie werden finden, dass es auch in der Schweiz, mit seiner "Freiheitstradition", nicht anders ist. Nur die Deutschen sind so eingedämmert, dass sie denken, sie müssten sich von jedem anderen vorschreiben lassen, was sie zu tun und zu denken hätten, und das ist irgendwie auch unmenschlich - zumindest unmenschlicher, als von einem Zugezogenen zu verlangen, unsere Sprache zu beherrschen oder unsere Gesetze zu befolgen.

Sebastian Ritter, Mainz

Es ist doch schon schlimm genug, wenn die deutschen Kinder, pardon, Kids, keine deutschen Lieder mehr hören und singen wollen. Dann sollten wenigstens die Ausländer, wenn sie denn unbedingt nach Deutschland kommen wollen, um hier die Arbeiten zu erledigen, die die Deutschen nicht machen wollen oder können, die schönen deutschen Lieder beherrschen.

Oder die Religion: Den allermeisten von uns ist der Glaube an den lebendigen Gott verloren gegangen, und nun kommen die Ausländer zu uns und beten andauernd zu ihrem Allah. Sehr ärgerlich. Wie genial auch hier der Vorschlag mit der deutschen Leitkultur, der unser Defizit positiv ausdrückt.

Wie wichtig die Beherrschung der deutschen Sprache ist, wird ja gerade durch den Begriff Leitkultur klar, da er leicht mit Leidkultur ganz falsch interpretiert werden könnte. Denn vielleicht erinnern sich einige Zeitgenossen noch an das Großdeutsche Reich, in dem Angehörige anderer Kulturen wie Zigeuner, Juden, Polen und Russen die "richtigen" Deutschen nur als Vertreter einer Leidkultur empfinden konnten. Aber diese Zeiten sind ja nun offiziell vorbei, auch wenn es immer noch Jugendliche geben soll, die dieses Gedankengut aggressiv vertreten, und wenn eine schweigende Mehrheit vielleicht noch mit diesem Gedankengut sympathisiert. Mit dem Begriff der Leitkultur wurde doch ein wunderbares Auffangbecken geschaffen, um all diese rechtschaffenen Bürger in den Schoß der CDU zurückzubringen. Und die rechtsextremistischen Idioten, die Asylantenheime anstecken und Ausländer durch die Straßen jagen? Mit dem Begriff der deutschen Leitkultur wird man ihr Selbstbewusstsein stärken, sodass sie sich nun überhaupt nicht mehr geistig mit Angehörigen anderer Kulturen auseinander zu setzen brauchen. Denn diese anderen brauchen ja unsere deutsche Leitkultur.

Dr. Klaus Rudolph Göttingen