Ist der Ruf erst ruiniert ... Bereits im vergangenen Jahr fiel SCM Microsystems an der Börse in Ungnade, weil das Management die Anleger mit einer Gewinnwarnung schockierte, also mit der Ankündigung, dass die Gewinne wesentlich schlechter ausfallen werden als erwartet. Daraus wurde mittlerweile Tradition: In diesem Jahr folgten weitere Gewinnwarnungen, und im Oktober mussten für das dritte Quartal 2000 sogar rote Zahlen gemeldet werden. An der Aktie konnten bislang nur Zocker verdienen, die den rechtzeitigen Ein- und Ausstieg erwischten. Langfristige Anleger hatten in den vergangenen drei Jahren das Nachsehen.

Dabei hatte alles gut angefangen. Das am Neuen Markt und an der US-Wachstumsbörse Nasdaq notierte Unternehmen stellt Lesegeräte für Smart Cards her. Das sind Plastikkärtchen mit einem eingeschweißten Mikroprozessor, der große Mengen an Informationen speichern und komplexe Aufgaben erledigen kann. Der Smart Card gehörte angeblich die Zukunft, und SCM galt als gut positioniert. Dem intelligenten Kärtchen, mit dem man heute bereits telefonieren oder den Arzt per Versicherungskarte bezahlen kann, trauten die Experten zu, dass daraus ein System mit universellen Einsatzmöglichkeiten und hoher Sicherheit werden könnte.

Als Wachstumsmarkt für die Smart Card galten etwa die Decoder für das digitale TV. Hoffnungen wurden vor allem auf die Set-Top-Boxen gesetzt, die den Fernseher Internet-fähig machen - die Karte kann den Zugang zum weltweiten Netz erschließen. Sie sollte außerdem vom Aufstieg des E-Commerce und des Homebanking profitieren, weil sie dafür den sicheren Zugang schaffen würde. Fantasien weckte die Smart Card auch als Verbindungsglied von digitalen Kameras, MP3-Playern und tragbaren Minicomputern zum heimischen PC.

Doch die Zukunft beginnt anscheinend später als erwartet. Zuletzt wuchs der Umsatz von SCM nur noch um schlappe 19 Prozent. Schuld daran sei, so die Analysten von Independent Research, der "unstetige und unsichere Absatzmarkt". Das US-Verteidigungsministerium fiel als wichtiger Kunde weg, weil die Amerikaner jetzt ein anderes Sicherheitskonzept verwenden. Dass gleichzeitig Verluste erwirtschaftet wurden, führen Experten auf den großen Appetit des Managements zurück. Laufend werden andere Unternehmen geschluckt, die daraus resultierenden Abschreibungen fraßen dann die Gewinne auf.

"Die Absatzmärkte von SCM sind gerade dabei, sich zu entwickeln", erklärt Philipp Geller vom Bankhaus Julius Bär. Die Hoffnung auf den lukrativen Einsatz der Smart Card in den MP3-Player wurde enttäuscht, weil die Geräte noch wenig gefragt sind. Auch bei Dekodierungsmodulen für das digitale Fernsehen geht die Saat in den USA noch nicht auf. SCM erwartet den Start des Massenmarkts nicht mehr für Mitte 2001, sondern erst für den Herbst 2002.

Dennoch bleiben die Experten optimistisch - auf lange Sicht. Die HypoVereinsbank traut dem Markt für Smart Cards bis 2004 eine Verdreifachung der heutigen 2,4 Milliarden US-Dollar zu. Die Begeisterung der Analysten hat aber stark nachgelassen. Unisono empfehlen sie nur noch "Halten". Das Unternehmen müsse sich erst durch gute Zahlen bewähren, bevor wieder eine Kaufempfehlung ausgesprochen werden könne, heißt es. Anleger müssen sich also gedulden, bis SCM seinen Ruf wiederhergestellt hat.