Zu Hause hatten wir keine Bilder an der Wand. Keine Drucke, keine Fotos. Über meinem Kinderbett klebte ein Oblatenbild, drei Lockenköpfchen mit Flügelchen auf einer flitterüberstreuten Wolke, kleine Engel, mit denen ich vor dem Einschlafen Zwiegespräche hielt. Das Oblatenbild war mit einem Care-Paket zu mir gekommen, Weihnachten 1946, von einer guten Seele irgendwo in Amerika, die verstand, dass die kleinen Kinder in den zerbombten Städten mehr brauchten und ersehnten als Eipulver und Kekse.

Dann gab es noch ein kleines Holzrelief in einem tiefen Rahmen, das den Grazer Uhrenturm zeigte. Den Grazer Uhrenturm! Von wem und woher dieser Kitsch stammte, ich werde es nie erfahren. Das Relief täuschte einen dreidimensionalen Hintergrund vor. Den kleinen Finger meiner Kinderhand konnte ich in den Spalt zwischen Uhrenturm, Hügel und Himmel zwängen, mit dem unbeschreiblichen Gefühl freudiger und ängstlicher Erwartung. Ich hoffte, etwas Wunderbares würde geschehen, etwas mich an meinem kleinen Finger berühren und sanft hineinziehen in ein Märchenland, in ein Schlaraffenland.

Gleichzeitig schmerzte mich die Angst bis in die Kniekehlen, etwas könnte mich in den Finger beißen, mich hinabziehen in Schlamm und Morast bis in die Hölle, wie es dem Kind geschehen war in Hans-Christian Andersens Märchen Das Mädchen, das auf Brot trat.

Alles dies blieb mein Geheimnis.

Mein Onkel Oskar hatte ein Bild an der Wand. Eine Landschaft mit Wiesen und einem von Birken umsäumten Weg, der sich über sanften Hügeln verlor im Nirgendwo eines blauen Himmels. Ich stand vor diesem Bild immer wieder und lange, in meiner Erinnerung ist es mit starkem Nikotingeruch verbunden. Mein Onkel Oskar war Kettenraucher. Er starb daran.

Ich weiß nicht, ab wann ich mir einredete, ich könnte in dieses gemalte Bild eintreten und den Weg unter den Birken nehmen, wenn ich es nur stark genug wünschte. Wahrscheinlich geschah es unter dem Eindruck eines Films, den ich mit meinem Vater in dem geliebten kleinen Kino an der Ecke gesehen hatte: The Wizard of Oz, Der Zauberer von Oz mit Judy Garland. Mein erster Farbfilm. Ich erinnere mich an die Szene, in der Judy oder Dorothy mit dem feigen Löwen, dem Zinn-Mann und der ausgestopften Vogelscheuche einen langen weißen Weg entlanghüpft und -tanzt, einem leuchtend kolorierten Himmel entgegen, unter dem das geheimnisvolle Reich des Zauberers von Oz liegt.

Somewhere over the Rainbow.