Antwort: Ich glaube doch und ich bin sehr froh darüber, denn diese Monate waren nicht einfach für uns, für mich im Besonderen und ich glaube auch für ganz Österreich. Und es ist gut, daß letztlich das Prinzip sich durchgesetzt hat: "Wir sind eine europäische Familie", wir reden miteinander, selbst wenn da und dort Zweifel oder Fragen auftauchen, dann diskutieren wir eben offen und freimütig miteinander und versuchen Lösungen zu finden." Das ist jenes Prinzip, das die Union gegründet und stark gemacht hat. Ich bin sehr froh, daß wir wieder in der normalen Welt angelangt sind, denn da gibt es genug Probleme zu lösen.

Frage: Aber es gibt ja sicher auch einen spezifisch deutsch-österreichischen Aspekt dabei. Es gab immer eine besondere Nähe, bleibt auch eine besondere Kränkung?

Antwort: Ich hoffe nicht, jedenfalls bei mir ist das nicht der Fall, denn das wär auch seltsam. Man darf sich doch nicht Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte, gemeinsamer Kultur und gemeinsame Gegenwart und hoffentlich Chancen für die Zukunft beeinträchtigen lassen oder gar kaputtmachen oder kaputtreden lassen durch acht Monate einer möglichen Kränkung. Das muß man wegstecken können, das tue ich und die Hand ist ausgestreckt, ist auch schon ergriffen worden. Und Österreich und Deutschland sind Nachbarn, vereint, nicht getrennt durch eine gemeinsame Sprache, haben viele gemeinsame Interessen und Themen: die Erweiterung der Union, eine globale Stellung für Europa, eine bestimmte Weiterentwicklung der Union. Wirtschaft auf der einen Seite, aber auch eine soziale und ökologische Verantwortung, und diese Dinge zählen viel mehr.

Frage: Herr Schüssel, gibt es denn auch eine besondere Lehre, die Sie aus dem Verhalten der Vierzehn ziehen, eine politische Lehre oder vielleicht auch einen Gewinn aus dieser Erfahrung?

Antwort: Ich versuche immer, aus einer Krise eine Chance zu machen. Das ist jedenfalls mein Prinzip, seit ich in die Politik gekommen bin und ich glaube, dass das auch ein ganz gutes Überlebensprinzip ist. Denn wenn man sich selber anstecken läßt vom Zweifel, von den negativen Emotionen, dann wird man nicht gestärkt, sondern geschwächt. Und ich versuche aus einer solchen kritischen Situation, und das war sie, zu lernen. Eine Lehre, die glaube ich, für alle gilt, Wahlen entscheidet immer noch der Wähler und nicht irgend ein Spin-Doktor oder irgend eine political correctness, die man einem anderen vorschreibt. Die zweite Lehre: wir haben Probleme in Europa, viele Probleme mit dem Radikalismus, mit der Sprache, mit der Vergangenheitsbewältigung, mit dem Ausländer-Thema, der Integration, dem Umgang mit Minderheiten. Aber, wir sollen uns gemeinsam darum bemühen und nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Jeder muß in seiner Heimat den Kampf gegen diese negativen Entwicklungen ernst nehmen und auch etwas tun. Und je eher wir uns hier auf europäischer Ebene dann gegenseitig unterstützen, nicht ausgrenzen, umso stärker wird dieser Kampf und umso erfolgreicher wird er ausfallen. Die dritte Lehre: Konzentrieren wir uns auf die großen Linien und unterstützen wir uns gegenseitig in Europa; machen wir uns das Leben nicht noch schwerer, als es ohnedies schon ist.

Frage: Herr Schüssel, ich nehme mal den Teil auf, wo Sie sagen, die Lehre, die wir ziehen sollten, ist auch der Umgang mit Minderheiten, und alle Länder der Europäischen Union haben ihre eigenen Probleme mit Minderheiten. Was wäre denn die angemessene Reaktion, damit umzugehen, also welche Lehren sollten das sein? Was würden Sie sich wünschen etwa von der Europäischen Union, sagen wir mit Rechtspopulismus in Österreich umzugehen, mit Rechtspopulismus in anderen Staaten, wie soll man miteinander umgehen?

Antwort: Mit den österreichischen Problemen müssen die Österreicher fertig werden, da kann uns und soll uns auch gar niemand von aussen dreinreden.