Zuerst die schlechte Nachricht: Unsere Gefängnisse sind überfüllt, in Deutschland sitzen mehr Straftäter ein denn je - rund 75 000. Aus Raumnot stellen die Haftanstalten schon seit langem zwei Pritschen in viele Einzelzellen und machen aus Tischtennis- und Freizeiträumen zusätzliche Verliese. Doch die Zellen reichen immer noch nicht aus. Deshalb wollen die Bundesländer fast 10 000 neue Haftplätze schaffen; für deren Einrichtung und Unterhalt werden sie in den nächsten fünf Jahren fünf Milliarden Mark ausgeben. Ein Häftling kostet den Staat täglich zwischen 150 und 200 Mark. Wenn das so weitergeht, werden wir vielleicht eines Tages wie der Staat Kalifornien mehr Geld für Zuchthäuser ausgeben als für öffentliche Schulen.

Nun die gute Nachricht: Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin will die Gefängnisse entlasten. Und zwar nicht durch den Neubau von Haftanstalten in einem ansonsten veralteten System. Sondern - und das ist der einzig sinnvolle Weg - durch ein neues System von Strafen, das die Unzahl von Freiheitsstrafen ersetzt, aber gleichwohl die Zahl der Straftaten vermindern soll. Soeben hat Däubler-Gmelin einen Gesetzentwurf fertig gestellt, der den komplizierten Titel Gesetz zur Reform des Sanktionenrechts trägt und der ZEIT vorliegt. Danach plant die Ministerin vor allem drei Neuerungen: Wer dazu bereit ist, darf künftig eine kurze Haftstrafe (bis zu einem halben Jahr) durch gemeinnützige Arbeit abgelten. Arbeiten statt einsitzen soll auch, wer seine Geldstrafe nicht bezahlen kann. Schließlich sollen künftig auch Gefängnisstrafen von drei Jahren Dauer zur Bewährung ausgesetzt werden können, allerdings bei strengeren Auflagen; bisher liegt die Obergrenze bei zwei Jahren.

In Freiheit strafen statt Freiheitsstrafen - wie nicht anders zu erwarten, regt sich gegen dieses neue Prinzip bereits heftiger Widerstand. Stellvertretend für die konservative Opposition kommentierte Bayerns Staatsminister der Justiz, Manfred Weiß, den Reformplan: "Freiheit für Schwerverbrecher." Dabei müsste er es besser wissen, läse er nur die Untersuchungen seiner bayerischen Experten.

Säßen hinter den Gefängnismauern nur Schwerverbrecher, Vergewaltiger, notorische Diebe, man brauchte nicht lange über Reformen zu diskutieren. Menschen, vor denen die Gesellschaft unmittelbar geschützt werden muss, gehören hinter Schloss und Riegel - für die vom Gericht bestimmte Zeit; und wie der Fall des Kinderschänders Schmökel gerade wieder gezeigt hat, heißt dies öfter als bisher: sogar ein Leben lang.

Die Wirklichkeit aber ist komplizierter. Die richtige Frage lautet deshalb nicht, ob insgesamt zu viele oder zu wenige Straftäter einsitzen. Sondern: ob alle, die weggesperrt werden, auch tatsächlich ins Gefängnis gehören. Die Antwort heißt nein.

Gefängnisse sind seit jeher Schulen des Verbrechens. Daran hat sich trotz aller Reformen und der Mühen der Sozialarbeiter und Psychologen wenig geändert. Dem Ziel, Straftäter gerade durch die Haft so zu bessern, dass sie später, wie es das Gesetz verlangt, "in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten führen können", ist man kaum näher gekommen. Bei den Schwerstkriminellen ist oft Hopfen und Malz verloren - die gestrauchelten Ersttäter geraten meist erst im Gefängnis richtig auf die schiefe Bahn. Drei von fünf Häftlingen werden nach ihrer Entlassung rückfällig. Ein niederschmetterndes Ergebnis, das nur einen Schluss zulässt: so wenig wie möglich einsperren - soweit es um die noch nicht auf eine kriminelle Karriere programmierten Ersttäter geht.

Gegen diese Einsicht haben Gesetzgeber und Gerichte jedoch in den vergangenen Jahren krass verstoßen. Es gibt keine Gleichung: mehr Gewalttaten, also mehr Gefangene. Ursächlich sind drei andere Gründe. Die Gerichte vollstrecken immer öfter selbst kurze Freiheitsstrafen von bis zu sechs Monaten, obwohl durch frühere Reformen gerade dies tunlichst vermieden werden sollte. Neueste kriminologische Studien zeigen zudem: Mit verantwortlich für die Krise der Gefängnisse ist auch die hohe Zahl ausländischer Gefangener. Vor zwanzig Jahren war in Deutschland nur jeder fünfunddreißigste Strafgefangene ein Ausländer, heute ist es jeder vierte, in einigen Großstädten sogar jeder zweite. Das lässt sich zwar auch, aber nicht allein mit der wachsenden Einwanderung und ihren problematischen Folgen erklären. Wissenschaftler hegen inzwischen einen bedrückenden Verdacht und verweisen auf weltweite Vergleiche: In Zeiten großer Migration fassen die Gerichte Ausländer härter an als Einheimische.