Es ist, als hätte jemand einen Film auf Schnelldurchlauf gestellt. Am Dienstag abend hatte der Oberste Gerichtshof des Bundesstaates Florida Al Gore in vorweihnachtliche Stimmung versetzt, und entschieden, dass die Handzählungen in den drei Gemeinden Broward, Miami-Dade und Palm Beach Eingang in das amtliche Gesamtergebnis finden müssen. Um die Laune der Demokraten noch zu versüßen, ließ das Urteil die Interpretation zu, dass nicht nur halb durchlochte Wahlzettel berücksichtigt werden müssen, sondern auch solche mit einer Delle. Wer diese feinen Unterschiede nicht mehr nachvollziehen mag, dem sei verziehen. Aber Al Gores künftige Karriere hängt nun mal von der Delle ab. Soll heißen: Nur wenn die Stimmlochkarten mitgezählt werden, die von den Wählern nur angedrückt, aber nicht durchstochen wurden, hat der Demokrat die Chance, den 930-Stimmen Vorsprung des George W. Bush einzuholen. Und damit die 25 Wahlmännerstimmen von Florida zu gewinnen. Und damit die Präsidentschaft.

Kaum hatten sich die Demokraten triumphierend auf die Schultern geklopft, da marschierten die Anwälte von Bush wutschnaubend gen Washington, um beim Obersten Bundesgerichtshof Verfassungsbeschwerde einzulegen. Der wird sie wahrscheinlich abblitzen lassen, weil er sich nicht in einzelstaatliche Angelegenheiten wie das Wahlschlamassel von Florida einmischen will. Aber die kalte Dusche für die Demokraten kam aus Miami. Der Wahlvorstand des Bezirks, bestehend aus drei treuen Demokraten, beschloss, die Handzählung einzustellen. Denn bis Sonntag nachmittag sei das keinesfalls zu schaffen, erklärte der Vorsitzende mit tränenerstickter Stimme. Diese Frist aber hatten die Richter in Florida festgelegt. Ein Gericht hat die Wahlkommission von Miami-Dade inzwischen von ihrer Pflicht entbunden, weiterzuzählen.

Man kann sich durchaus fragen, warum in Florida noch niemand auf die Idee gekommen ist, bei Handzählungen für ausreichend Personal und für klare Kriterien in Sachen Delle zu sorgen. Aber der Karren steckt nun mal im Schlamm, weswegen zu diesem Zeitpunkt nur eines feststeht: Es wird einen neuen Präsidenten geben. Irgendwann. Aber es ist nicht mehr möglich, ihn fair und eindeutig zu ermitteln. Das liegt nur zum Teil an Florida und seinem Zählchaos. Es liegt vor allem an George W. Bush und seinem Beraterteam.

Der erste Eindruck ist immer der wichtigste, heißt eine alte Weisheit. Seit Al Gore in der Wahlnacht mit den berühmten Worten "Nun werden Sie mal nicht schnippisch" per Telefon seine voreilige Gratulation zum Wahlsieg zurückgezogen hatte, gefällt sich George W. Bush in der Rolle des potenziell Betrogenen: Einer, der bereits von allen Fernsehstationen zum Präsidenten erklärt worden war, und nun von einem schlechten Verlierer in einen unwürdigen Zählmarathon verstrickt worden ist.

Aber wer sein Kurzzeitgedächtnis bemüht, erinnert den Verlauf anders: Die voreilige Verkündung des Wahlsiegs machte der Sender Fox News, und die Anweisung gab der diensthabende Redakteur John Ellis, Cousin des texanischen Gouverneurs, der sich in den Minuten zuvor am Telefon mit seinen beiden Verwandten George und Jeb Bush in einen Siegestaumel gesteigert hatte. Die Vetternwirtschaft hatte sich zu früh gefreut - der Vorsprung des Texaners im alles entscheidenden Florida schmolz binnen Minuten soweit zusammen, dass die Fernsehstationen einen Rückzieher machten und laut Gesetz des Bundesstaates eine Nachzählung erforderlich wurde. Über zwei Wochen ist das nun her - und seitdem streiten sich beide Parteien mit Haken und Ösen um Fristen, Löcher und Dellen. Beim Taktieren und Tricksen sind auch die Demokraten keine Waisenkinder. Aber es war Al Gore, der Bush eine manuelle Nachzählung in allen Wahlkreisen von Florida angeboten hatte - auch in den mehrheitlich republikanischen. George Junior, der sich seit der Wahlnacht auf seiner Ranch mit Joggen und Gewichtheben beschäftigt, lehnte missmutig ab - und nach dem Urteil des Obersten Gerichts in Florida, goss der Republikaner fürs Grobe, Ex-Außenminister James Baker, neues Öl ins Feuer: Sollte Al Gore nach den Handauszählungen doch gewinnen, könnte ja auch das mehrheitlich republikanische Parlament von Florida eingreifen, und die Wahlmänner bestimmen, was gesetzlich möglich ist.

Das ist eine uneingeschränkte Kriegserklärung: In keinem Fall will das Bush-Team einen Wahlsieg Al Gores hinnehmen - egal, was die Gerichte oder die Wähler sagen.

Es bleibt ein Panoptikum der Horrorszenarien: Verliert Gore die Auszählung in Florida "mit Delle", wird er sich geschlagen geben. Verliert er sie "ohne Delle", wird er vermutlich weiter klagen. Verliert Bush, droht tatsächlich eine Intervention des Parlaments in Florida - womöglich zur außerordentlichen Sitzung zusammengerufen von seinem Bruder Jeb, dem Gouverneur. Geht der juristische Krieg weiter, und Florida kann bis zum 12. Dezember kein amtliches Endergebnis verkünden, dann würde das Wahlmännergremium sechs Tage später, am 18. Dezember, ohne die 25 Wahlmännerstimmen aus dem "sunshine state" entscheiden. Im "electoral college" aber führt Gore derzeit mit 267 zu 246 Stimmen. Für diesen Fall erwägen die Republikaner eine Kampagne, um Wahlmänner "abzuwerben".