Für den langjährigen BSE-Beobachter ist es ein Déjà-vu-Erlebnis. Erst Großbritannien, jetzt Frankreich, das Muster ist das gleiche. Die Bevölkerung gerät in Panik, der Absatz von Rindfleisch bricht zusammen, Schulen setzen es vom Speiseplan ab. Die Regierung in Paris reagiert wie die in London vor vier Jahren; sie versucht das Vertrauen wiederherzustellen. Das Fleisch- und Knochenmehl, das als Vehikel der BSE-Infektion gilt, ist fortan für die gesamte Tierzucht verboten, wie schon seit 1996 in Großbritannien. In London ist man nun gar nicht überrascht darüber, welch geringe Wirkung die französischen Bemühungen zeitigen, den Schaden für die eigene Rindfleischindustrie zu begrenzen. Wenn Regierungen erst einmal von Verbraucherängsten getrieben werden, gibt es kein Halten mehr, zumal nicht bei den ausländischen Handelspartnern. Dann wird auch jede europäische Beschlusslage ganz schnell zur Makulatur. In solch einer Situation gelte nur noch das Motto "Rette sich, wer kann", bemerkt sarkastisch ein Offizieller in 10 Downing Street.

Kadaver von 4,5 Millionen Kühen müssen beseitigt werden

Bislang hat die Regierung Blair der Versuchung widerstanden, sich an Frankreich für das fortbestehende französische Einfuhrverbot für britisches Rindfleisch zu rächen, das auch nach Ansicht Brüssels ungesetzlich ist. Experten von der Insel verweisen auf die umfangreichen Kontrollmaßnahmen, durch die das Fleisch alter Tiere systematisch ausgesiebt werde. Darüber hinaus lässt Großbritannien seit Mai 1996 alle Rinder, die älter als 30 Monate sind, vorsorglich töten. Die Maßnahme ist extrem teuer und schuf ein gigantisches "Entsorgungs"-Problem; die Kadaver von bislang rund 4,5 Millionen Kühen müssen beseitigt werden, jede Landdeponie und Verbrennungsanlage wird von der Bevölkerung mit tiefem Misstrauen beäugt und durch gerichtliche Einsprüche blockiert. Letztlich ist die Massentötung von zumeist wahrscheinlich völlig gesunden Tieren ein Blutopfer auf dem Altar des Verbraucherschutzes. Ein Trost bleibt: Zumindest scheint es gelungen zu sein, die Zahl der BSE-Fälle zu reduzieren. Die Kühe werden erschossen, bevor sie die klinischen Symptome des Rinderwahns überhaupt entwickeln können; die durchschnittliche Inkubationsdauer von BSE liegt bei dreieinhalb Jahren. Der Beschluss des Brüsseler Agrarrates, alle Tiere über 30 Monate auf BSE zu testen, berührt Großbritannien nicht. Dort erwägt man, noch einen Schritt weiter zu gehen und Rinder jeglichen Alters vor der Schlachtung auf BSE überprüfen zu lassen.

Dennoch wächst der nationale Druck auf die Regierung Blair, Frankreich nun doch mit einem Importstopp zu belegen. Nicht nur die europafeindliche Presse, auch renommierte Wissenschaftler des Komitees, das die Regierung über BSE und das menschliche Gegenstück Creutzfeldt-Jakob berät, verfallen in patriotische Rhetorik. So vertritt etwa Professor John Collinge, Mitglied der Expertengruppe, die Auffassung, britisches Rindfleisch sei mittlerweile sicherer als kontinentaleuropäisches. Die Zahlen sprechen gleichwohl für sich: Auf der Insel erlagen an die 190 000 Kühe dem Rinderwahn, in diesem Jahr allein dürften es mehr als 1000 sein; in Frankreich dagegen registrierte man seit Januar 99 Fälle.

Eine Konsequenz, die die Labour-Regierung aus dem BSE-Fiasko zog, könnten kontinentaleuropäische Länder in jedem Fall nachahmen. Dem Agrarministerium wurde die Zuständigkeit für den Verbraucherschutz entzogen und auf eine unabhängige Foods Standards Authority (FSA) übertragen. Damit wurde ein institutionalisierter Interessenkonflikt beendet. Das Landwirtschaftsministerium entschied in der Vergangenheit stets zugunsten der Industrie und zulasten der Verbraucher. Über ein Jahrzehnt lang wurden von Beamten und Veterinären des Ministeriums nur genehme Forschungsprojekte gefördert und stets solche Experten in Gutachtergremien berufen, die auf unbequeme Fragen verzichteten.

Im Londoner Landwirtschaftsministerium wappnet man sich für einen besonders heiklen Fallout der französischen BSE-Krise. Die Familien von zwei französischen Creutzfeldt-Jakob-Opfern haben Klage wegen Totschlag und Vergiftung angestrengt. Das zielt zuvörderst auf Großbritannien, von wo aus zwischen 1988 und 1990 rund 15 000 Tonnen des Knochenmehls als Viehfutter nach Frankreich exportiert wurden. Die Kläger stützen sich auf die offiziellen britischen Thesen sowohl über die Verbreitung der Rinderseuche (durchs Fleischmehl) wie über die "wahrscheinliche Ursache" für den Tod von über 80 an Creutzfeldt-Jakob erkrankten Menschen - nämlich den Verzehr von BSE-infiziertem Rindfleisch. Ein wissenschaftlich noch nicht belegter Zusammenhang. Würde das Gericht der Argumentation folgen, könnte Großbritannien weltweit für alle Fälle haftbar gemacht werden.

Nun wird das Schlaglicht auf das "Fleischmehl-Rätsel" gerichtet. Wenn das unappetitliche Futter, dazu noch in kleinsten Mengen, wie Regierungen quer durch Europa annehmen, BSE zu übertragen vermag, warum wurde Frankreich nicht spätestens 1993/94 von Tausenden von BSE-Fällen heimgesucht? Mehr noch - die britische Fleischmehlindustrie exportierte nach dem Verbot im eigenen Lande Hunderttausende von Tonnen in alle Welt, nach Belgien und Holland, in den Nahen Osten und nach Südafrika. Weltweit hätte eine Epidemie ausbrechen müssen. Überdies ist es bislang nicht gelungen, durch dieses Mehl in Versuchsherden auch nur eine einzige Kuh zu infizieren. Das gelang nur durch die Injektion oder orale Gabe eines homogenisierten, hochinfektiösen Konzentrats aus dem Hirn von BSE-Rindern. Zwangsläufig führt das zu der Frage, ob das Fleischmehl erst im Zusammenwirken mit Umweltfaktoren, etwa Chemikalien und Schwermetallen, die tödliche Wirkung entfaltet oder ob es überhaupt für die Katastrophe verantwortlich ist. Immer mehr Forschungsergebnisse deuten in diese Richtung. Das würde Großbritanniens Position als alleinschuldiger Exporteur des Unheils für Vieh und Mensch verändern und die Rinderzüchter und Landwirte stärker ins Blickfeld rücken. Auf der Insel hat man sich intensiver und früher als auf dem Kontinent auf dubiose landwirtschaftliche Praktiken eingelassen - die Kannibalisierung der Wiederkäuer, den Einsatz der chemischen Keule, den Fettextrakt aus schwermetallverseuchten Klärschlämmen und Ähnliches mehr. Bestätigte sich diese Annahme, dann müssten das nationale Agrobusiness und Regierungen selbst die Verantwortung für die größte Katastrophe der intensiven Landwirtschaft übernehmen.