DIE ZEIT: Die Gefahr, an der neuen Creutzfeldt-Jakob-Variante (vCJD) zu erkranken, ist größer, als bisher angenommen. Schätzungen gehen von 65 bis 135 000 potenziellen Opfern aus.

JOHN COLLINGE: Mit Prognosen bin ich extrem vorsichtig. Ich bin skeptisch, was die Aussagekraft der Modelle angeht. Denn nun ist erstmals ein 74-Jähriger an vCJD erkrankt. In die Modelle fließen Annahmen ein, die ich nicht teile. Zum Beispiel wird davon ausgegangen, dass nur ein Teil der Bevölkerung mit einem speziellen genetischen Subtyp erkranken wird. Das aber wird so nicht eintreffen.

ZEIT: Was heißt das für eine mögliche Epidemie?

COLLINGE: Menschen, die derzeit an vCJD erkranken, haben womöglich "unglückliche" Genotypen, die sie für die Krankheit extrem empfindlich machen. Wenn das stimmt, ist die entscheidende Frage: Wie hoch ist die Anzahl dieser Individuen? Es könnte sein, dass die 88 bisherigen Fälle nur eine winzige Untergruppe ausmachen und die restliche Bevölkerung nur eine längere Inkubationszeit aufweist.

ZEIT: Sie meinen, dass die eigentliche Epidemie in der Masse der britischen Bevölkerung womöglich noch gar nicht begonnen hat?

COLLINGE: Genau. Wenn wir derzeit nur eine Miniepidemie in einer extrem empfindlichen Untergruppe sehen und die anderen erst zehn Jahre später erkranken, dann wird es kritisch. Die politischen Entscheidungen sollten auf der Annahme beruhen, dass es eine schwere BSE-Epidemie beim Menschen geben könnte.

ZEIT: Besonders beunruhigend ist in Ihren Augen der Vergleich von vCJD mit Kuru, einer Prionenkrankheit beim Menschen, die Sie intensiv erforschen. Was macht Ihnen Sorgen?