Nike Wagner, 55, kennt als Tochter des Opernregisseurs Wieland Wagner das "Wagner-Theater" von innen, als freiberufliche Publizistin hat sie es zuletzt auch wissenschaftlich untersucht. Derzeit ist die promovierte Literatur- und Musikwissenschaftlerin als neue Leiterin der Bayreuther Festspiele mit im Gespräch

Das Bayreuther Festspielhaus war für uns Kinder in erster Linie ein Abenteuerspielplatz. Mit meinen drei Geschwistern bin ich auf den Beleuchterbrücken entlanggerannt, im Orchestergraben herumgeturnt und über die Feuerleiter aufs Dach geklettert. Damals war der Wagner-Tempel ein Privathaus, immer und überall zugänglich. Ähnlich unkompliziert die musikalische Erziehung: Wir konnten nach Belieben in die Familienloge, dort wurde gekichert, getuschelt, einander die Füße gekitzelt, wenn die Akte nicht aufhören wollten. Wir waren zu Haus, in den Tönen wie in den Balken.

Die Nike würde mal auf die Universität gehen, hieß es in der Familie, obwohl keiner so recht wusste, was eine Universität war. Ich schrieb aber eben Einser in der Schule - wenn auch nur in den musischen Fächern-, spielte Klavier, war die typische höhere Tochter. Zudem sportlich, mehr in der Luft als auf der Erde, ich liebte alles, was mit Leichtigkeit und Tempo zu tun hatte.

Nach den Volksschuljahren in Bayreuth kam die Zeit im bayerischen Internat, bis zum Abitur. Dort ging es nicht weniger liberal her als im Elternhaus. Ich durfte meine Katze mitnehmen und ging, statt in den Unterricht, mit Gedichtbänden spazieren. Mich zog die moderne Lyrik an, die dunklen, hermetischen Gedichte, Celan vor allem. Insgesamt war die Schule harmlos und wenig anspruchsvoll. Großes Latinum ja, Englisch, Französisch, aber die deutsche Geschichte hörte beim Ersten Weltkrieg auf. Wagner, im Übrigen, war im Musikunterricht kein Thema. Ein bisschen Liedkultur, ein bisschen Formenkunde.

Bildungsbrocken wurden eher indirekt übermittelt, auf den wenigen Reisen mit den Eltern oder eben über die Festspielereignisse. Vor allem über deren "intellektuelle" Seite. Ich lernte viel auf den Einzelproben meines Vaters: Wie vermittelt man den Sängern die unmöglichen Libretti? Wie verhalten sich Text und Musik und Bewegung zueinander? Oder auf den Pressekonferenzen: Wie erläutert man unverständliches Regietheater? So begriff ich, dass man über Wagner "nachdenken" konnte, dass man über Wagner diskutieren musste.

Aktiv integriert in die Festspiele wurden meine Schwestern und ich auf Wunsch der Mutter. "Meine Töchter sind schön und begabt, die können genauso gut tanzen wie die anderen", verteidigte sie sich gegen den Vorwurf des Nepotismus. Also tanzten wir in ihren Choreografien, waren Bacchantinnen, Fürther Mädchen und Blumenmädchen. Der Kindertraum, Papis Assistentin zu werden, schien nicht so abwegig. Und doch zerronn er schnell.

Als Wieland 1966 starb, war ich 21 Jahre alt. Mit dem Veröden des Elternhauses, der Villa Wahnfried, die schließlich Museum wurde, versanken auch "mein" Bayreuth und die unklar daran geknüpften Lebenswünsche. Es war aber auch eine neue Freiheit mit diesem Verlust gewonnen.