Sommerferien sind für Hubertus Haneke keine Zeit der Erholung. "In den letzten Tagen vor Beginn des neuen Schuljahrs nehme ich meinen Laptop sogar abends mit nach Hause", sagt der Inhaber von Haneke Software in Königswinter. Bis lange nach Mitternacht leistet er dann telefonisch Beistand, sucht nach dem Fehler in zugemailten Dateien. Findet er ihn nicht, bricht am nächsten Morgen in einer deutschen Schule das Chaos aus. Denn von Haneke Software stammt der Turbo-Planer, neben dem österreichischen Untis das hierzulande am weitesten verbreitete Programm zur Erstellung von Stundenplänen.

Etwa jede zweite deutsche Schule hat inzwischen Abschied von der meterlangen Stecktafel im Lehrerzimmer genommen, auf der früher bunte Kärtchen dafür sorgten, dass Lehrer und Schüler zusammenfinden. Stundenplanung - einst die unangefochtene Domäne eigenbrötlerischer Mathematiklehrer - ist zur Aufgabe der Computerfreaks unter den Lehrern geworden. Doch die verlieren unter dem Druck des nahenden Ferienendes manchmal den Überblick über ihre zahllosen Verknüpfungen und Eingabemasken. Und wenn dann auch noch der Rechner zusammenbricht, muss Hubertus Haneke helfen.

Man könnte meinen, dass es sich bei der Stundenplanung um eine ideale Aufgabe für ein relativ simples Computerprogramm handelt. Schließlich geht es doch nur um eine möglichst effektive Zuordnung von Lehrern, Klassen, Schulräumen und Unterrichtsfächern. Was in der Theorie so einfach erscheint, erweist sich in der Praxis jedoch als gewaltiges Problem. Bis zu 60 Stunden reine Rechenzeit braucht ein moderner PC, um aus den zuvor eingegebenen Anforderungen einen Stundenplan-Entwurf zu erstellen. Und der stimmt, wie Haneke selbst zugibt, "im Durchschnitt nur zu 99,5 Prozent". Eine von jeweils 200 Unterrichtseinheiten muss deshalb per Hand so umorganisiert werden, dass sie sich in den restlichen Plan einfügt.

Das klingt wenig, kann in der Praxis aber äußerst mühsam sein. Schließlich bringt jede Veränderung in einer Klasse auch Umstellungen für den Rest des Planes mit sich. Lehrer A, der am Dienstag in der Klasse 8b in der dritten Stunde Mathe unterrichtet, kann nicht gleichzeitig auch in der 7a sein. Und in der Turnhalle, die am Mittwoch in der fünften Stunde für die 9c reserviert ist, kann - auch wenn es noch so gut in den Plan passt - zur gleichen Zeit unmöglich der Basketball-Grundkurs des 12. Jahrgangs stattfinden. Tagelang brüten die zuständigen Lehrer kurz vor Schuljahresbeginn über Problemen dieser Art.

Denn hinter der scheinbar so simplen Aufgabe verbirgt sich ein komplexes Problem. "Dynamische Optimierung mit Nebenbedingungen" heißt das in der Mathematik und ist "in endlicher Zeit nicht lösbar", wie Eberhard Oeljeklaus versichert. Er ist Professor für Mathematik mit dem Schwerpunkt "komplexe Analysis" an der Bremer Universität. Zwar gebe es mit dem Bellmann-Algorithmus ein Verfahren, das von verschiedenen Vorschlägen jeweils den besten auswählt und zur Grundlage weiterer Berechnungen macht, eine "großartige mathematische Theorie" sei dies jedoch nicht. Auch wenn das Bellmann-Verfahren bei genügender Rechenzeit brauchbare Ergebnisse liefere, bleibe es für Mathematiker doch unbefriedigend. Oeljeklaus: "Wir wollen immer eine elegante Lösung."

Doch die ist nicht in Sicht. Und für die bloße Verbesserung des Bellmann-Prinzips von Versuch und Irrtum fühlt die hohe Mathematik sich nicht zuständig. Damit beschäftigt sich die Zunft der angewandten Wissenschaft. Zum Beispiel Professor Hans Wojtkowiak, Leiter des Instituts für technische Informatik an der Universität Siegen. Jahrelang hat er an einem Computerprogramm getüftelt, das Stundenplanung zuverlässig und vollautomatisch erledigen sollte. Doch die Ergebnisse blieben unbefriedigend. "Vor zwei bis drei Jahren haben wir diesen Ansatz verlassen", erinnert sich Wojtkowiak. Seitdem hat sein Institut Skêd entwickelt, ein Computerprogramm, das nicht automatisch plant, sondern den planenden Menschen lediglich unterstützt.

"Skêd bietet eine komfortable grafische Oberfläche, die dem Planer einen guten Überblick verschafft", sagt Wojtkowiak, "und dessen menschliche Intuition wird vom Computer durch Fakten unterlegt." Sobald der Planer einen Raum doppelt belegt, einen Lehrer für mehr Unterrichtsstunden einplant, als dieser angestellt ist, oder von den Vorgaben des Lehrplans für die Anzahl von Fachunterrichtsstunden abweicht, meckert das Programm. Der Planer hat aber die Freiheit, das Meckern des Computers zu übergehen. Denn aus Erfahrung kennt er manchmal unkonventionelle Wege, die für ein Computerprogramm nicht formalisiert werden können. Er weiß zum Beispiel, dass Lehrer A bereit ist, für den Kunstunterricht mit der 7b auch mal die Aula zu nutzen.