La Grand-Combe/Paris

Was aus den Geschwistern Filippini geworden ist? "Die staatliche Schule hat sie ausgeschlossen", sagt der algerische Gastwirt vom Boule-Club, "und seit März hört man nichts mehr von ihnen. Ist auch besser so." Fast zwei Jahre lang hat sich Smain Zaid, wie so viele Muslime im südfranzösischen La Grand-Combe, über die frömmelnden Schülerinnen mit dem Kopftuch geärgert: zwei französische Teenager, die von ihrem großen Bruder zu einem kompromisslosen Bekenntnis zum Islam gezwungen worden waren. Die Mädchen wollten den äußeren Beweis ihres neuen Glaubens unbedingt auch während des Schulunterrichts tragen.

Das war die Zurschaustellung einer Religion, in der sich viele geborene Muslime von La Grand-Combe nicht wiedererkennen konnten oder wollten. Er trinke selbstverständlich Alkohol, sagt Zaid verärgert, und gehe nie in die Moschee. "Wir sind hier seit Jahren integriert gewesen", ergänzt eine marokkanische Nachbarin, "bis diese verrückten Französinnen dahergekommen sind. Danach haben uns alle angesehen wie Fremde." Sogar die Imame der zwei Moscheen von La Grand-Combe hatten die Familie Filippini öffentlich zu religiöser Mäßigung aufgefordert: Schließlich sei das Kopftuch im Islam keine heilige Pflicht.

Die Affäre Filippini wirkt wie eine Karikatur auf den ersten großen Kopftuch-Streit vor elf Jahren. Damals hatte ein marokkanischer Einwanderer darauf bestanden, dass seine Töchter den hidscheb auch im Klassenzimmer aufbehalten sollten. Lange Zeit schwieg die Verwaltung des Schulbezirks Creil - so, wie sie zur samstäglichen Abwesenheit der Kinder aus jüdischen Familien geschwiegen hatte. Im November 1989 setzte der Schuldirektor plötzlich brüsk zur Verteidigung des Laizismus an, jenem Grundgebot der französischen Republik, das sich nur annähernd mit "Trennung von Staat und Kirche" übersetzen lässt.

Der Streit um eventuelle Auswüchse hin zu einer kommunitaristischen Gesellschaft nach englischem Modell wühlte Frankreich in jenem Herbst stärker auf als die Revolutionen in Osteuropa. Die arabischen Einwanderer mit ihren französischen Kindern wurden zu Projektionsfiguren für atavistische Ängste vor einem Religionskrieg mit islamistischen Angreifern - zumal 1989 auch das Jahr der Fatwa gegen Salman Rushdie und der Gründung der Islamischen Heilsfront in Algerien war. Am Ende (1992) fällte der Conseil d'Etat, Frankreichs oberstes Verwaltungsgericht, ein salomonisches Urteil, das den jeweiligen Schulen weiten Spielraum für den Umgang mit Kopftuch tragenden Schülerinnen öffnete.

Seither wird jedes zweite Jahr ein Fall publik, um den öffentlich gestritten wird. Die meisten von ihnen regelt die Schulverwaltung still und pragmatisch auf unterster Ebene - als ob Frankreich kein Zentralstaat mehr wäre. Wenn die Mädchen auf Zureden nicht nachgeben und ihr Tuch auch am Bunsenbrenner und beim Reckturnen nicht abnehmen wollen, sucht die öffentliche Schule ihnen einen Platz in der nächsten katholischen Privatschule.

Die öffentliche Schule ist eine bewährte Integrationsmühle