Man sagt, die Stille könne bersten. Adriana Hölszky zeigt, wie. Mit Generalpausen senza tempo und in harter Absolutzeit gemessen. Mal nur zwei Sekunden lang oder auch drei, mal sieben oder siebzehn. Mit Fermaten, die sich wie schwarze Sonnenschirme über das brodelnde Raunen des Raumes spannen. Dieses Raunen kennt viele Varianten: Stahlplatten, die nach roher, stumpfer Konfrontation erzittern; Rollschellen, die blechern ins Leere torkeln; Glockenschläge, mancherlei Klopfgeräusche, kleine weiße Knöchlein, die dunkel gemaserte Hölzer massieren; das entseelte Aushauchen des Chores, der sich soeben noch in schnalzenden, hechelnden, gurrenden, knurrenden und kichernden Lauten über das Geschehen ereiferte - live wie auch vom Tonband; und immer wieder synthetische Klangwolken, die das Ohr des Zuschauers bloß streifen - wie die Schatten schwerer Fledermäuse im Dunkel des Saals. Dies alles verwebt Hölszky aufs Diffizilste miteinander - um es im selben Atemzug wieder zu entzerren. Und wieder in ein neues, heiliges Entsetzen auszubrechen, in die nächsten grenzgängerischen Gesänge.

"In der Kantilene liegt die Utopie", ruft der Regisseur, der Tenor ist (Matthias Klink), im vorletzten Bild von Adriana Hölszkys neuem, an der Stuttgarter Staatsoper uraufgeführtem Werk Giuseppe e Sylvia quer über die Bühne. Da ist sein Vorhaben, einen Film über Gestorbene zu drehen, längst gescheitert. Kurz zuvor haben sich Giuseppe Verdi, toter Komponist und Bariton (Michael Ebbecke), und Roberto, toter italienischer Kellner oder Fischer und Tenor (Rolf Romei), die Kleider von ihren gepuderten Leichen-Leibern gerissen und einen Ringkampf aufs Parkett gelegt. Die Toten, einmal aus ihren Grüften erlöst, machen, was sie wollen. In ihrer unbändigen Sucht nach Leben, in ihrer "Leichtfertigkeit" - wie Regisseur Hans Neuenfels es nennt, der hier erstmals auch als Librettist antrat und seine eigene Novelle von 1981 neu bearbeitete - sind sie nicht zu halten. Insofern kann Roberto am Ende ebenso gut Ariel heißen oder Edgar. Und Giuseppe Verdi der Vater von Sylvia Plath sein, der toten amerikanischen Dichterin. Und diese sich wiederum für Cordelia halten, die Lieblingstochter König Lears. Ja, das Stück hat Untiefen, ist auch wirr - und birgt doch wie kein zweites die Aufforderung zur Hingabe. Nur wer genießt, was er nicht entschlüsseln kann, wird begreifen.

Außerdem besitzt das Stück Humor. Die buchstäblich ver-rückten Zitate reichen von Schuberts Lindenbaum bis zu Evergreens wie Bel ami, von Euripides über Kleist bis Reinhold Messner; die Grafiken für die Live-Elektronik lesen sich mit ihren fahrigen, blumigen Kringeln wie von Kinderhand in die Partitur hineingemalt. Und auch Hans Neuenfels' Inszenierung gibt sich ganz leicht, ganz unprätentiös: Reinhard von der Thannens Bühne zeigt handgemalte Ansichten von der Insel Ischia, wo das Toten-Treffen stattfindet, oder auch einfach nur eine meeresgrünlich schimmernde Wellblechwand; Sylvia gleitet in einer Nussschale über das Wasser, als kreuzte sie Lethe, den Fluss des Vergessens, ein gefiederter Matrose ist ihr Bote, und einem Greis mit Sockenhaltern fällt rote Damenspitzenunterwäsche aus dem Koffer. Nicht einmal das Filmteam mit Kran, Scheinwerfern und obligatem Klappstuhl vermag dieses schwerelose, surrealistische Idyll wirklich zu stören.

Seidene Leichtigkeit und schmerzlichster Ernst

Bei der Stuttgarter Premiere freilich traute sich kaum einer zu lachen. Die Neue Musik, sagt Neuenfels im Gespräch, sei seit Jahrzehnten von einer Art "fernöstlichem Diskurs" beherrscht, welcher jede Kunst und jede Spontaneität exekutiere. Mit Adriana Hölszky verbindet ihn seit der Uraufführung ihrer zweiten Oper Die Wände nach Jean Genet, 1996 bei den Wiener Festwochen, eine ganz eigene Wahlverwandtschaft - auch in Fragen der Ästhetik. Von den Komponisten werde permanent etwas erwartet, "das nicht Kunst sein kann", betont auch Hölszky. Zu wissen, wie es um die eigene Zukunft bestellt sei. Und Konzepte zu schmieden. Dem verweigert sie sich - sie kann nicht anders.

Mit Giuseppe e Sylvia hat Adriana Hölszky eine ekstatische, hoch theatralische Partitur geschrieben. Dabei beschwor ihr Musiktheater seit jeher außerordentliche Zustände herauf - von Bremer Freiheit, ihrem ersten großen künstlerischen Erfolg, über Die Wände bis hin zu Tragödia, der Oper ohne Sänger. Indes, Giuseppe e Sylvia ist redseliger, spielerischer, offener: Das Stück pflegt eine seidene Leichtigkeit. Und stets den schönsten, schmerzlichsten Ernst. "Im Leben versuchen wir ständig, eine Person zu sein. Dabei ist es wunderbar, sich zu verteilen, sich zu verwandeln in viele Möglichkeiten", singt Sylvia über einem luftig hingetupften Orchestersatz aus Cembalo, Gitarre, Harfe, Schlagwerk und Streichern (das Staatsorchester Stuttgart spielt unter der Leitung von Johannes Kalitzke). Und Evelyn Herlitzius' großer vollmundiger Sopran strahlt. Als wäre der Tod das viel schönere Leben.

Eine Oper schreiben, sagt Adriana Hölszky, heiße, den Ton "sich krümmen" zu lassen. So wie Glenn Gould es tat, als er Bach spielte. Oder Horowitz mit Chopin. Spätestens im finalen Stuttgarter Jubel - als die Komponistin panisch erschrocken über die Bühne flieht und jede Applausordnung sprengt - ahnte man, was sie, die Hans Neuenfels gern eine "Schwester Mozarts" nennt, mit diesem Rätselwort wohl meinte. Unerbittlich eigensinnig sein. Und doch voller Grazie.