Guben

Man sieht nur, was man weiß. Und weiß nur, was man hört? Ganz Deutschland hörte von der brown-town Guben. Dort hatten in der Nacht zum 13. Februar 1999 elf Kerndeutsche den Algerier Farid Guendoul derart gehetzt, dass er durch eine Glastür sprang und verblutete. Die Jäger wurden kürzlich lind bestraft. Die Stadt, so hört man seit der Jagd, muss eine Nazihochburg heißen. Da sehen wir nach.

Das wahre Guben werden wir nicht finden. Das wahre Guben ist verbrannt. Der Baedeker kennt nicht mal mehr den Namen, doch dank dem Gubener ZEIT-Leser Andreas Peter hängt die versunkene Perle der Lausitz Jahr für Jahr als Kalender in der Reporterküche: Villen und Bürgerfassaden, Erker und Zinnen der Gründerzeit, die strebenden Schlote der Tuch- und Hutindustrie, der Bismarckturm in den Bergen, lauschige Schänken, Apfelblütenmeer und bei der Brücke am strudelnden Fluss die rot-weißen Markisen des Central-Hotels. Mein Heidelberg am Neißestrand / Dich grüß ich tausendmal / Weih Dir dies Glas in meiner Hand / Du Blütenstadt im Tal.

All das ging unter, als 1945 der deutsche Krieg nach Hause kam. Guben wurde Brückenkopf der Wehrmacht gegen die anflutende 1. Belorussische Front. Bis zu sechsmal wechselten die Stellungen zwischen Russen und Deutschen. Am 17. Februar begann der Beschuss der Stadt. Am 2. März sprengte die SS den Bismarckturm, am 20. April fiel der letzte Neiße-Übergang nach Westen. Am 24. April gewann die Rote Armee eine Stadt, die keine mehr war. Neun Zehntel lagen in Trümmern.

Viel von der Apokalypse ist aufgeschrieben in Andreas Peters polyphonem Dokumentarband Guben 1945/46. Hört man denen zu, die damals Kinder waren, spleißt die Geschichte bis in den heutigen Tag. Am 13. Februar früh um fünf sind wir gerade noch aus Guben raus, erinnert sich Eberhard Wittchen. 500 Menschen auf dem offenen Güterzug, ab mit Funkenflug nach Westen, das beeindruckt ein Kind. Immerzu Halt, abends endlich Cottbus, die Flüchtlingsmassen dort, dann Flieger, die Bahnhofsscheiben schepperten, das waren die Bomben auf Dresden, 90 Kilometer weiter. - Bei Finsterwalde kamen wir unter, erzählt Irmgard Schneider; warum presst sie ein Tüchlein in der Hand? In Großkrausnik, in einem Ausbau abseits vom Dorf, da haben wir wohlwollendes Annehmen gefunden bei Bauersleuten. Deren Sohn war im Krieg, und meine Mutti konnte vieles aus der Landwirtschaft. Dann kamen die Russen auch dorthin und nahmen die Schwiegertochter mit und meine Schwester, die war 21, und als die beiden wiederkamen, sagte meine Mutti: So, jetzt ist Schluss, ihr geht sofort ins Dorf. Und zu mir: Und du gehst mit. Ich sagte: Mutti, komm auch mit, wir wolln uns nicht trennen. Aber sie sagte: Die Leute brauchen mich hier. So, in der nächsten Nacht kamen die Russen wieder und fanden die jungen Frauen nicht und haben den Bauern erschlagen, und meine Mutti und die Bäuerin, die haben sie erschossen.

Am 1. Mai sind wir zurückgelaufen, sagt Magda Gunia, mit dem Handwagen von Lübben aus, ich 15, meine Schwester 17, dick vermummelt wegen der Russen, und kamen nach Guben rein, da hockten überall Leute, reglos, wie wir näher kamen, waren's Tote, ich seh sie noch heute dort sitzen, das geht nicht raus. Unser Haus stand noch, im Garten, da hatten die Russen ihre Toten begraben, da wuchsen schon Früchte, da räumten wir auf und warn zufrieden, dass kein Krieg mehr war, und Angst hatten wir immerfort, dass die Russen oder dass die Polen, aber die Polen warn nicht so mit Vergewaltigen. Und dann kam der 20. Juni 1945, ein glühend heißer Tag. Polnisches Militär trieb alle Ostgubener ans Neiße-Ufer. Wir dachten, sie erschießen uns, sagt Magda Gunia. Wir dachten, sagt Eberhard Wittchen, die Polen wollten in Ruhe plündern, und dann könnten wir zurück. Ein Soldat ging rum, sagt Magda Gunia. Hände vor!, und die Ringe tat er in eine Zigarrenkiste. - Dann mussten sie alle über den Fluss, auf einem schwankenden Ponton von Hunderten aufs Wasser geworfenen Türen, den die Strömung gegen die klaffenden Pfeiler der Achenbachbrücke drückte. Kern-Guben wurde polnisch und Gubin, allen Rückkehrhoffnungen zum Trotz, ungeachtet auch der Grenzrevisionspolitik der jungen SED, an deren Spitze ein Gubener stand: Wilhelm Pieck, nachmals Präsident der DDR, rief 1946 seinen Landsleuten auf dem ReiPo-Sportplatz zu: Schon nächstes Jahr werden wir wieder in den Gubener Bergen spazieren gehen!

War Pieck gerissen oder naiv?