Zagreb

Der Abschied. Sie sind in Bataillonsstärke angetreten. Kroaten aus der ganzen Republik. Noch am Abend dieses 15. Novembers sollen sie auf Hunderte von Serben treffen. Einige Frauen umarmen ihre Männer zum Abschied. Über Jahre war das der Moment, den alle fürchteten.

Jetzt ist es ein Augenblick, der die Gesichter strahlen und die Handys piepen lässt. 450 kroatische Unternehmer ziehen in den Frieden. Gen Belgrad. Sie starten mit sechs doppelstöckigen Bussen vom Zagreber Platz des Franklin D. Roosevelt. Ihm verdankte Amerika einst seinen New Deal. Auf einen neuen Gesellschaftsvertrag soll auch diese ungewöhnlichste Expedition seit den jüngsten Balkan-Kriegen hinsteuern. Kroatische Privatunternehmer und Direktoren staatlicher Betriebe wollen im bisherigen Feindesland neue Beziehungen anknüpfen und frühere Bande flicken. Bekannte Gesichter, gemischte Gesellschaften - ein Stück altes Jugoslawien soll auf neuer Bühne reüssieren.

800 serbische Unternehmer warten in 400 Kilometer Entfernung auf die kroatischen Gäste. Geschäftspartner von einst werden einander in die Arme fallen. Ein Hauch von Süd- und Nordkorea wird aufkommen. Genau das beabsichtigt die kroatische "Sonnenschein"-Politik. Seht her, lautet ihre Botschaft, wir schicken den ersten Konvoi, denn wir wollen uns an keinen fremden anhängen müssen. Die Botschaft richtet sich nicht zuletzt an die EU.

Der Wegweiser. Der kroatische Kim Dae Jung ist kein Politiker, aber seit langem Präsident. Von 1992 bis 1996 lenkte Nadan Vidocevic den renommierten Fußballclub Hajduk Split. Hajduk war damals die einzige Attraktion der alten mediterranen Hafenstadt, die nicht im Mahlstrom der Bosnienflüchtlinge versank. Von Hajduk wechselte der Manager auf den Präsidentenstuhl der kroatischen Wirtschaftskammer. Mit dalmatinischem Charme klopfte er an die Kammer der serbischen Kollegen. Als Milocevic stürzte, charterte Vidocevic die Busse.

"Unsere Expedition macht den großen Korridor von Westeuropa nach Südosteuropa wieder frei", entwickelt der Kammerpräsident seine raumgreifenden Konzeptionen. "Serbien wird zum schnell wachsenden Markt. Das Land ist arm, die Arbeitslosigkeit riesig, der Lohn winzig. Wir haben keine Sprachbarrieren und brauchen keine große Werbung. Die kroatischen Markenprodukte sind den Serben noch vertraut. Wir wissen, was wo zu tun ist: Lebensmittel, Medizin, das Transportwesen neu aufbauen, das Energiesystem flicken. Die Serben können ihr Autowerk in Kragujevac für die kroatischen Kunden wieder hochfahren. Und das alles muss man nicht länger über Drittbanken in Budapest verrechnen."

So muss wohl einer sein, der in dieser Region die Trümmer der zehnjährigen Reiche von Tudjman und Milocevic beseitigen will. Und dem Balkan-Gipfel, den die EU an diesem Freitag in Zagreb mit großem Pomp und steifem Protokoll für ein paar Stunden praxisfern durchzieht - dem hat Vidocevic schon mal gezeigt, wo's eigentlich langgehen könnte.