Und dann das blanke Elend. Ein Meer von Blechhütten, kein sauberes Wasser, keine Toiletten, Müll, Krankheit, Gewalt. 400 000 Menschen, zusammengepfercht auf 2,5 Quadratkilometern: Alexandra, die schwarze Township am Rande Johannesburgs. Anschließend, nur acht Ampeln vom Slum entfernt, wieder Luxus pur: Sandton City, das reichste Viertel Afrikas. Glitzernde Konsumtempel, Edelrestaurants. Extreme Gegensätze, charakteristisch für das neue Südafrika.

Ein bisschen zu extrem für den Auftakt einer ZEIT-Projektreise mit 15 Lesern. Die unvermittelten Sprünge von der Ersten in die Dritte Welt und zurück überforderten manchen Teilnehmer. Es war ihnen zumute wie einem Wanderer, der in Hamburg-Blankenese losmarschiert und sich plötzlich in den Favelas von Rio wiederfindet. Ein Kulturschock. Die Besucher schauten in die zwei Gesichter des Landes: in das weiße, reiche und in das schwarze, arme. Und nichts sollte sie im Verlauf der Reise mehr beschäftigten als die Frage, woher dieses unglaubliche Wohlstandsgefälle rührt und wie es zu überwinden wäre.

Sie wurde auch Eric Molobi gestellt, einem schwarzen Südafrikaner, der der ZEIT seit langem verbunden ist. Marion Gräfin Dönhoff hatte den Regimegegner unterstützt, als er im Gefängnis saß. Heute gehört Molobi zu den einflussreichen Wirtschaftsführern am Kap. Die dringendste Aufgabe für ihn: »Wir müssen nach der politischen Apartheid die ökonomische überwinden. Nur dann haben wir eine Zukunft.«

Verständnis wecken für eine Demokratie im Aufbruch. Den Blick auf die gewaltigen Herausforderungen des Wiederaufbaus lenken. Die Wahrnehmung von Problemen der Entwicklung schärfen. Eine Projektreise, die Südafrika eben gerade nicht geschönt und geglättet präsentiert: exotische Landschaften, wilde Tiere, lieblicher Wein, weißer Lebensstil. Und ein paar Tupfer schwarze Folklore, Tanz und Townships, eine Slumrundfahrt im klimatisierten Bus, hinter getönten Scheiben.

Man kann auch aussteigen. Ohne Gefahr für Leib und Leben.

Zum Beispiel im verruchten Alexandra. Ein kleiner Handwerksbetrieb, in dem Behinderte Korbwaren herstellen, Kinderkleider nähen und Bauteile für Klimaanlagen präparieren. Neben den Werkstätten ein Tagesheim für schwerstbehinderte Kinder. Die Besucher stehen in einem engen Raum, dicht gedrängt und ein bisschen verlegen angesichts der dürftigen Ausstattung. Angie Mpsana, die blinde Betreuerin, erzählt von der täglichen Mühsal, von chronischer Geldnot, vom Mangel an therapeutischem Gerät und Fachkräften. Außerdem fehle ein Transportmittel. »Ein Kleinbus für die Kinder ... davon träumen wir.»

In der Ecke ein dicker Mann im Rollstuhl: Joseph Makapan, der Gründer dieser Einrichtung. »Schwarz, arm und behindert - während der Apartheid waren wir der letzte Dreck. Da half uns keiner.« Makapan und seine Mitstreiter haben sich selber geholfen und in zehn Jahren ein Projekt aufgebaut, das 60 Behinderten Brot und Arbeit gibt. Ein wunderbarer Beweis für die Kreativität der Armut. Die Werkstätten arbeiten längst mit Gewinn. Das Tagesheim ist auf Zuschüsse angewiesen, weil viele Eltern die Gebühr nicht zahlen können. Die Bedrückung der Besucher weicht der Anteilnahme. Wie könnte man helfen?