Für die Mitarbeiter war es nicht immer leicht, den strategischen Zügen ihres Chefs zu folgen. Kaum haben sie es Jürgen Dormann verziehen, dass er sich vom traditionsreichen Turm-und-Brücke-Logo des Chemiekonzerns Hoechst verabschiedete, stehen schon wieder Änderungen auf dem Programm. Keine zwei Jahre nach der Fusion mit dem französischen Wettbewerber Rhône-Poulenc wirkt das neue Firmensymbol schon wieder überholt. Ähren und ein stilisiertes Reagenzglas sollten den Agro- und Arzneimittelkonzern Aventis widerspiegeln. Doch vergangene Woche verabschiedete sich Aventis von der Life-Science-Idee und kündigte an, die Landwirtschaftssparte abzuspalten. Jetzt sind die Ähren überflüssig.

Was die Belegschaft verunsichert, stimmt die Anleger froh: Sie lieben harte Entscheidungen und klare Strukturen und haben Jürgen Dormanns Strategie im vorigen Jahr mit einem kräftigen Zuwachs beim Aktienkurs belohnt. Während die Papiere der Chemiekonglomerate Bayer und BASF vor sich hin dümpeln, ist das spezialisierte Unternehmen Aventis an der Börse heute mehr wert als die beiden Wettbewerber zusammen.

Vor allem die Einsparungen imponieren den Anlegern. Wenn sich zwei Riesen zusammentun, gibt es vieles doppelt, was sich streichen lässt. So auch bei Hoechst und Rhône-Poulenc. Jährlich 1,2 Milliarden Dollar Sparpotenzial versprach Dormann, als er die Fusion verkündete. Und er hat Wort gehalten. Auch wenn ihm dann und wann etwas schief ging, wie der Verkauf des Labors in Romainville oder die seit Jahren angekündigte Trennung von den Hoechst-Töchtern Wacker und Messer, hielt er überkorrekt an seinen Zahlen fest. "Bei den Kosteneinsparungen ist Aventis schneller als geplant", lobt Analystin Susan Haylock. Die Pharmaexpertin der Deutschen Bank rechnet damit, dass das Unternehmen nun auch das Gewinnziel für das Jahr 2000 übertreffen wird. Solche Aussichten freuen die Börsianer.

Das Einzige, was die Euphorie über Aventis in der Vergangenheit gelegentlich bremste, war das Geschäft mit der Landwirtschaft. Anfangs versprach sich Stratege Dormann gewaltige Synergien zwischen Arzneimittel- und Agrosparte - schließlich nutzen beide Disziplinen die Erkenntnisse der Genforschung. Doch bald schon machte sich Ernüchterung breit. Schuld waren die Kunden. Sosehr die Verbraucher die Bio-Tech in der Medizin schätzen, so sehr fürchten sie Manipulationen auf ihrem Teller: Beim Essen sind Beipackzettel unerwünscht.

Die Rückrufaktion besiegelte das Schicksal der Agrotochter

Waren zunächst nur die Europäer skeptisch gegenüber dem High-Tech-Getreide, mehrte sich die Kritik bald auch jenseits des Atlantiks. Als jüngst in Taco Chips Rückstände einer Genmaissorte von Aventis gefunden wurden, kam es zu einer Protestwelle. Das Getreide war nur als Viehfutter zugelassen. Und von der Genehmigung für den menschlichen Verzehr ist Aventis heute weiter weg denn je. Aus Angst vor möglichen Allergien veranlasste die amerikanische Regierung eine Rückrufaktion, die das Unternehmen bis zu 100 Millionen Dollar kosten könnte. Das dürfte das Schicksal des umstrittenen Konzernteils besiegelt haben. Knapp sechs Wochen hielt sich der Fall in den Schlagzeilen, dann stimmte der Aufsichtsrat zu: Abspalten. Mit Aventis verabschiedete sich auch noch der letzte Verfechter der Life-Science-Strategie. Die Pioniere Monsanto, Novartis und AstraZeneca hatten der Doppelstrategie schon vor knapp einem Jahr eine Absage erteilt.

Noch ist nicht klar, wie die Straßburger ihre Saatgutforscher loswerden wollen. Ein Verkauf ist schwierig, solange die Schadensersatzansprüche aus der Mais-Affäre nicht geklärt sind. Auch die Kartellwächter könnten Einwände haben. Mit Börsengängen dagegen hat die Branche schlechte Erfahrungen gemacht. Als vor wenigen Wochen die Wettbewerber Monsanto und Syngenta den Börsenstart wagten, war das Interesse an grüner Gentechnik so gering, dass der Kurs in beiden Fällen den Zielkorridor verfehlte. Möglicherweise wird Aventis deshalb das Börsenparkett meiden und die Aktien des neuen Unternehmens direkt an die Altaktionäre verteilen, wie dies bei der Celanese, der Chemietochter von Hoechst, praktiziert wurde. Sicherheitshalber hat die Konzernleitung dafür schon den Firmennamen Agreva reservieren lassen: das Kunstwort, das - Ironie des Schicksals - so ähnlich klingt wie der Name Agrevo, unter dem die Hoechst-Landwirte vor der Fusion schon einmal firmierten.