Im Bellagio sind rund um die Uhr 2000 Videokameras im Einsatz, auf 2300 bringt es das Venetian. Beide Hotels gehören zur neuen Kategorie der familienfreundlichen Erlebnishotels, mit denen Las Vegas den Tourismus von morgen präsentiert. Die meisten Kameras sind in den unübersichtlichen Spielsälen installiert. Seit Anfang der Achtziger ist die Überwachung in den Casinos von Las Vegas Pflicht. So genannte Eye-in-the-Sky-Systeme zeichnen von allen Spielern Videos auf und speichern diese mindestens drei Tage lang.

Doch Las Vegas hat die Auflagen übererfüllt: Auf allen Stockwerken der angeschlossenen riesigen Hotelkomplexe mit bis zu 3500 Zimmern befinden sich Kameras, ebenso in den Fassaden, die Venedig, Paris oder New York nachbilden. In den Kunstlandschaften herrschen automatische Wächter: die Videobilder werden auf Festplatte mitgeschnitten und ein System namens Magic Eye versucht, bedrohliche Handlungen zu entdecken. Entspricht eine Aufnahme den definierten Bedrohungsrastern, schaltet der elektronische Wächter die Kamera direkt auf den Videoschirm des Wachpersonals durch. "Entscheidend ist für uns das Sicherheitsgefühl der Gäste. Sie dürfen niemals den Eindruck haben, in einem Angstraum zu stehen", erklärt Sam Dickinson, einer der Sicherheitsspezialisten des Bellagio. Schaudernd berichtet er vom echten Bellagio in der Lombardei, von dem die Kulisse des Superhotels abgekupfert ist. "All die verwinkelten Gassen und Plätzchen. Sicherheitstechnisch müsste man den ganzen Ort abreißen."

Im Schweriner Schloss standen jetzt Angsträume und Videoüberwachung im Mittelpunkt einer Fachkonferenz von Datenschützern, Kriminologen und Polizeipraktikern zu "Grenzen und Risiken der Videoüberwachung". Man war sich einig: Vieles von dem, was in der Videohochburg Las Vegas oder dem kameramäßig bestversorgten Großbritannien installiert ist, könnte auch bei uns Wirklichkeit werden. Überall dort, wo die Öffentlichkeit einen Angstraum ausmacht, wird der Ruf nach Videoüberwachung laut. Besonders empfindsam reagierte hier die Deutsche Bahn AG, die ihr 3-S-Konzept als "Wohlfühlprogramm" bewirbt. 3-S steht für Service, Sicherheit und Sauberkeit und bedeutet hauptsächlich die lückenlose Videoüberwachung von derzeit 42 Bahnhöfen in ganz Deutschland. Allein im Leipziger Hauptbahnhof sind 140 Videokameras installiert und sorgen in den 130 Geschäften für ein wohlig-sicheres Einkaufserlebnis. Überwacht werden die Kameras in trauter Gemeinsamkeit von der Bahn Schutz und Service GmbH (BSG) und dem Bundesgrenzschutz (BGS), was Datenschützer bemängeln. Für das 3-S-Konzept kassierte die Bahn AG vor wenigen Wochen den BigBrother-Award der britischen Datenschutz-Organisation Privacy International in der Kategorie Behörden und Verwaltungen.

Gegenüber den 140 Kameras im Bahnhof muten die drei Kameras der Leipziger Polizei geradezu mickrig an. Sie überwachen kriminalitätsgeografische Brennpunkte vor dem Bahnhof und in der Innenstadt. In Schwerin führte Rolf Müller, Leiter der Polizeidirektion Leipzig, aus, wie effektiv die Videoüberwachung arbeitet. Sie habe zu einem drastischen Rückgang bei Einbruchs- und Taschendiebstählen geführt, jedoch keinen nennenswerten Rückgang des Drogenhandels gebracht. "Ausreichend Einsatzkräfte bei den Kameras sind ein Muss. Innerhalb von drei Minuten muss jemand vor Ort sein. Ohne Polizei können Sie die Videoüberwachung glatt vergessen", sagt Müller. Die Bedenken der in Schwerin versammelten Datenschützer versucht der Videoexperte zu entkräften. Es gäbe keine Direktschaltung zwischen der Bahn AG und der Polizeidirektion.

Die Bedenken der Datenschützer suchte die Industrielobby in Schwerin mit technischen Demonstrationen auszuräumen. Gezeigt wurden neueste Modelle der Dome-Kameras, jener kleinen Glaskuppeln, die an der Decke installiert sind. Sie können so programmiert werden, dass sie beim Schwenk über kritische Bereiche (zum Beispiel dem Eingang eines Sexshops) zur Wahrung der Privatsphäre Sperrbalken über das Videobild legen. Ungewiss ist, ob dies ausreicht, einen Rest an Privatsphäre zu wahren. So findet sich in der Projektbeschreibung des Zentralverbands der Elektrotechnik und Elektronikindustrie (ZVEI) folgende Passage: "Durch die Vernetzung mehrerer Aufzeichnungs- und Übertragungsgeräte über Datennetze lassen sich so - wenn es gewünscht wird - verteilte Netzwerke realisieren, die an jeder Einheit zu jeder Zeit den Zugang zum gesamten Datenbestand beziehungsweise zu den Livebildern aller angeschlossenen Kameras erlauben."

Die Erfahrung aber lehrt, dass Videoschaltungen im großen Stil vor allem eins produzieren: Forderungen nach noch mehr Kameras. Aber mehr Linsen führen nicht zwingend zu mehr Bedienungspersonal. Immer häufiger übernehmen leistungsfähige Computer die automatische Auswertung des Bilderstroms.

Norbert Wendt von der Bochumer Spezialfirma ZN GmBH berichtete auf der Tagung von Erfolgen des SmartEye-Systems, das von Polizei und Grenzschützern vor allem an Rolltreppen auf Flughäfen installiert wird: Auf den Treppen stehen die Reisenden einigermaßen ruhig, sodass SmartEye einen genügend scharfen Schnappschuss des Konterfeis anfertigen und diesen dann mit Passbildern gesuchter Personen vergleichen kann.