Ernst Wer??? Ernst Krenek: Komponist, Literat, Musiker; der Reisesucht erlegen, aus der Heimat vertrieben. Seine Biografie zeigt das zersplitterte Bild eines Komponisten, der alle ihn umgebenden Geistesströmungen in sich zu vereinen trachtete und der von den Tiden einer bewegten Zeit umhergeworfen wurde. Ernst Krenek - am 23. August 1900 in Wien geboren, 1991 in Palm Springs gestorben - hat fast das gesamte vergangene Jahrhundert erlebt und in seinen Werken widergespiegelt. "Der produktivste von den bedeutenden Komponisten unserer Zeit ist Krenek, dem Publikum im allgemeinen wohl am besten bekannt als ,Ernst Wer?'", stellte Glenn Gould in einem Artikel fest, das war 1975.

Und heute, im 100. Jahr nach Kreneks Geburt? Hat sich nichts geändert. Von seinen knapp 250 Werken ist nur wenig Kammermusik aufgenommen, einige Lieder und drei seiner 21 Opern. Jubiläums-Konzertreihen zu Ehren des Komponisten hat es im Ernst-Krenek-Jahr nicht gegeben, editorische Großleistungen der CD-Industrie blieben aus. Eine kleine, feine Wanderausstellung durchquerte das Land, ein paar konzertante Opernaufführungen, einige wenige Vorträge im Verborgenen - das war's.

Glenn Gould lobte Kreneks Dritte Klaviersonate, 1922 geschrieben, "als eine der besten Klavierkompositionen unseres Jahrhunderts", spielte sie oft und gern und erkor sie 1964 zum Schlussstück seines allerletzten Klavierabends. Krenek wiederum lobte Gould, indem er bemerkte, er mache aus dem ersten Satz, einem "zahm-gemächlichen Allegretto comodo, ein forsch-brillantes Virtuosenstück - und ähnlich hörte ich es später dann von anderen Pianisten, die seine Aufnahme als maßgebend betrachteten". Obwohl er durchaus andere Vorstellungen von dem Stück hatte. Am Ende seines Lebens hat er sämtliche Klaviersonaten für eine Plattenaufnahme mit dem Pianisten Geoffrey Douglas Madge erarbeitet. Indem er den Pianisten gleichsam dirigierte, betont er die kristalline Klarheit und konzis formulierten Nebenstimmen der Stücke. Krenek muss ein glänzender Pianist gewesen sein, der ironische Stilimitate eines Walzers oder Foxtrotts aus dem Ärmel schütteln konnte, bevor er dieselbe Melodie als Kanon vierstimmig im Kreise führte. Dass selbst seine freitonalen Konstruktionen nicht spröde klingen, verdankt sich seiner schier unerschöpflichen Fantasie.

Mit seinem Werk ging Krenek manchmal ganz undogmatisch und spielerisch um, wie in der Toccata und Chaconne über den Choral "Ja ich glaub an Jesum Christum" op.13, ebenfalls von 1922, ein großes, gewaltig zu nennendes Variationenwerk über eine von eigener Hand gefälschte Choralmelodie.

Krenek erzählt, dass der Uraufführungspianist Eduard Erdmann Klavierüben unbeschreiblich langweilig fand. "Um sich dabei zu unterhalten, improvisierte er irgendwelche Texte. Zweifellos wollte es niemand als der Teufel, daß Ned zur Basslinie meiner Chaconne nichts anderes einfiel als die Worte ,Ja ich glaub an Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn'. Und derselbe Teufel ritt uns, als wir beschlossen, dem Werk diesen Titel zu verleihen. Unsere löbliche Absicht war natürlich gewesen, die Kritiker hereinzulegen, und das gelang auch völlig."

Krenek schrieb, um mutwillig noch eine Kühnheit draufzusatteln, noch einen Anhang mit Stückchen verschiedenen Charakters über denselbigen Choral. Von Allemande bis Foxtrott lässt er darin seine Stilvirtuosität im Imitieren von Genres und Gattungen spielen und gibt launige Parodien seiner eigenen Fälschung.

Seit 1928 lebte Krenek nach Aufenthalten in Berlin, Kassel und Zürich wieder in seiner Geburtsstadt Wien. So konnte er sich für kurze Zeit dem Zugriff der Nazis entziehen, die ihn schon ab 1927, seit dem durchschlagenden Erfolg der Oper Jonny spielt auf, im Visier hatten. Bereits das 1932 an der Wiener Hofoper angesetzte Musikbühnenstück Karl V. fiel dann der vorauseilenden nationalsozialistischen Kulturaggression zum Opfer. In Kreneks Leben stellt dieses "Bühnenwerk mit Musik" einen Wendepunkt dar, sowohl für sein Leben wie für sein Schreiben.