Hätte Al Gore beim Rennen um die Präsidentschaft Ricky Martin zu seinem Vize erkoren, dann wäre er in Florida als haushoher Sieger hervorgegangen - dank der Stimmen der vielen Exilkubaner. Wer seine Heimat verlässt, wird nämlich oft ein wenig nationalistischer, erklärte Ricky Martin dem Musikmagazin Rolling Stone, kurz nachdem er selbst in den USA zum Star der Stunde aufgestiegen war. "Man hört Salsa und denkt dann: Das ist Puerto Rico."

Inzwischen hört man auf der ganzen Welt Ricky Martin und denkt: Das ist Latino America. Mit seiner Kreuzung aus Salsa, Samba und krachendem Dancefloor-Beat landete Martin in kurzer Folge eine Reihe von Discotheken-Hits - und avancierte damit zum Vorreiter einer Welle, die allgemein als Latin-Boom verbucht wurde. Auch Sound Loaded, seine neue Platte, strotzt nur so vor inzwischen bewährtem High-Energy-Pop.

Der Latin-Touch ist dabei wenig mehr als Dekor: hier ein paar Bläsersätze, dort ein klimperndes Piano, der Song One Night Man überrascht sogar mit orientalischem Simsalabim. Doch ansonsten regiert ein martialisch geradeaus stampfender Beat, der auch Salsa-Analphabeten nicht vor unlösbare Probleme stellt. Im Booklet präsentiert sich Ricky Martin als Latin Lover für Anfänger. Mit schwarzer Hose und halb offenen Hemd, das sich merklich über dem Brustkorb strafft, wirkt er wie ein Kellner oder Torero. Kein Schweißfleck trübt das Bild.

Die paar exotischen Extras braucht es, um den puertoricanischen Pin-up-Boy auch für Nicht-Latinos attraktiv zu machen. Ricky Martin ist ein wandlungsfähiges und vielseitig einsetzbares Erfolgsprodukt. Schon als Kind machte er TV-Werbung, mit zwölf begann seine musikalische Laufbahn in Puerto Ricos Boygroup-Export Menudo. Mit 17 verließ er die Gruppe, versuchte sein Glück in den USA als Schauspieler in einer TV-Soap und am Broadway und verkaufte in Südamerika schon Millionen Platten, bevor die US-Musikindustrie überhaupt Notiz von ihm nahm. Inzwischen gilt er als Symbolfigur für die allmähliche Latinisierung der USA. "Diese Musik könnte der Sound ihrer Zukunft sein", titelte das Time Magazine. Rund 30 Millionen Menschen lateinamerikanischer Herkunft leben bereits zwischen New York und San Francisco, in ein paar Jahren wird ihre Zahl die der Afroamerikaner übertreffen. Das macht sie zu einer umworbenen Zielgruppe: Sowohl George Bush als auch Al Gore versuchten, im Wahlkampf mit ihren Spanischkenntnissen zu punkten.

Mit seinem Schritt heraus aus der Latino-Öffentlichkeit und hinein in den US-Mainstream hat Ricky Martin nicht nur das Spanglish seiner Songs - ein Kauderwelsch aus Englisch und Spanisch - salonfähig gemacht. Hispanische Herkunft erwies sich in seinem Gefolge plötzlich als handfester Karrierevorteil. Marc Anthony und Enrique Iglesias, der Sohn von Julio Iglesias, die Schauspielerin Jennifer Lopez und das Teen-Idol Christina Aguilera - allesamt haben sie in den letzten Jahren tüchtig verkauft, und allesamt haben sie die Demografie auf ihrer Seite. Von gewachsenem Selbstbewusstsein der Latinos in den USA ist die Rede. Dabei finden sich in ihrer Musik nur noch Spurenelemente der Traditionen.

Bloß noch ein tropischer Beigeschmack

Ursprünglich war Pop aus Lateinamerika nicht weniger divers als afroamerikanische Musik: Salsa, Merengue, Mambo, Cumbia oder TexMex sind nur einige der Stile, die Einwanderer aus dem Süden über die Grenze brachten. Im melting pot verrührt bleibt, zumindest bei den Erfolgsmodellen, nur ein tropischer Beigeschmack, an dem auch der weiße Mittelstand sich nicht den Mund verbrennt. Salsa war noch der Sound der barrios gewesen, der hispanischen Viertel und Ghettos der US-Großstädte, wo Latinos aus der Karibik und Mexiko zu Nuyoricans oder Chicanos wurden und sich deren Musik mit der ihrer afroamerikanischen Nachbarn mischte - zu Latin Jazz, später zu Latin Soul oder Latin Funk. Der aktuelle Latin Pop vermittelt eine ganz andere Botschaft: Er kündet von unbedingtem Aufstiegs- und Anpassungswillen. Dafür ist er bereit, seine geschmacklich nicht mehrheitsfähigen Anteile zu opfern - etwa durch den Verzicht auf die eigene Sprache.