Die Tarantella, schreibt die Encyclopædia Britannica, ist ein "italienischer Paar-Volkstanz, charakterisiert durch leichte, schnelle Schritte und neckendes, flirtendes Verhalten der Partner, die Tänzerinnen tragen häufig ein Tamburin. Die Musik steht in einem lebhaften 6/8 Rhythmus. Der Ursprung der Tarantella ist verbunden mit dem Tarantismus, einer Erkrankung oder Form von Hysterie, die in Italien vom 15. bis zum 17. Jahrhundert auftauchte und auf dunkle Art und Weise mit dem Biss der Tarantel verbunden war; die Opfer konnten sich durch ekstatischen Tanz selbst kurieren."

Ein Tanz mit tiefen Wurzeln also, zu Hause offenbar im tiefen, apulischen Süden Italiens, nahe der Stadt Taranto und durch rätselhafte Epidemien in den Gefühls- und Mythenschatz des Landes eingegraben. Ein alter Tanz, der jedoch auch in der Gegenwart immer wieder an die Oberfläche drängt, in ganz unmöglichen Zusammenhängen, zuletzt auf Litania Sibilante, der CD, mit der das Italian Instabile Orchestra, ein wilder, improvisierender Orchesterhaufen, sein zehnjähriges Bestehen feiert. Vielleicht ist das Italian Instabile Orchestra genau der richtige Ort für so einen heilsamen, ekstatischen Tanz: Gegründet seinerzeit, um der aufgeklärten Fraktion unter den Improvisatoren des Landes eine Plattform zu schaffen, hat sich das Orchester schnell entwickelt zum Hort all derjenigen, die über das Reinheitsgebot des freien Spiels hinausdrängten und sich die Freiheit nehmen, auf alte Formen und Spielweisen zurückzugreifen, seien es alte Volkstänze, seien es Satzformen aus der klassischen Vergangenheit, seien es Melodieführungen aus der populären Opernliteratur oder Standards aus der Geschichte des Jazz.

Musiker wie der 1944 bei Bergamo geborene Multisaxofonist und -klarinettist Gianluigi Trovesi, einer der elder statesmen des freien Jazz in Italien, dessen Komposition Scarlattina das Feld umreißt: Zunächst einmal ist es eine Hommage an den Barockkomponisten Domenico Scarlatti (1685-1757), dessen Klangwelten Trovesi in einem kleinen Klaviermotiv herbeizitiert. Doch dann umstellt Trovesi die barocken Anklänge schnell mit musikalischen Bausteinen, die sie in ein zeitgemäßeres Gebilde verwandeln, mit diversen Bearbeitungen des Klaviermotivs für verschiedene Instrumentengruppen und funky backbeats, mit Ton-Clustern und Tanzformen, mit Anklängen an Märsche, Sarabanden, mit freitonal ausufernden Kollektivimprovisationen und lyrischen Trompetensoli, bevor, ja bevor er die Spannung schließlich in der erwähnten Tarantella ausklingen lässt, die wiederum angereichert ist mit stecknadelspitzen Bläsersätzen und einigen Trompetenkadenzen, die eher in die Karibik weisen als in die Welt des Kapellmeisters Scarlatti.

Nichts ist unmöglich, das scheint auch ein Leitgedanke hinter anderen Produktionen zu sein, mit denen Trovesi in letzter Zeit Aufmerksamkeit auf sich lenkte: ob in Round About A Midsummer's Dream, einer musikalischen Verarbeitung von Shakespeares Sommernachtstraum, in dem sich Theseus an einer Bergamasca, einem Tanz aus Trovesis Heimatregion, erfreut, oder auf seiner CD In cerca di cibo, einem folkloristisch durchdrungenen Duo mit dem Akkordeonisten Gianni Coscia, oder in Castel Del Monte, dem Hymnus des französischen Tubaspielers Michel Godard auf das rätselhafte apulische Stauferschloss. Die Zusammenhänge, in denen Trovesi zu hören ist, scheinen durchweg so verwegen, dass sie fast die Leichtigkeit überlagern, mit der Trovesi über all die Risse und stilistischen Klüfte hinwegspielt und aus den verstreuten Zutaten seine persönliche Musik formt, in der alles seinen Platz hat: die Expressivität des Jazz und die harmonische Melodiebildung der Operntradition, das Formbewusstsein der Klassik und die Lebendigkeit der Folklore - und nicht zu vergessen die Tänze, allen voran die heilende Ekstase der Tarantella.

Italian Instabile Orchestra: Litania Sibilante (Enja 9405) Gianluigi Trovesi: Round About A Midsummer's Dream (Enja 9384) Gianluigi Trovesi/Gianni Coscia: In cerca di cibo (ECM 1703 543034-2) Michel Godard:Castel Del Monte (Enja 9362)