Glaubt man, dass der Anfang immer schon die Züge des Endes trägt, dann liefert Perus Präsident Alberto Fujimori einen Beleg dafür. Aus dem Nichts ist er 1990 gekommen und hat den hochfavorisierten Schriftsteller Mario Vargas Llosa im Rennen um die Präsidentschaft völlig überraschend besiegt. Nahezu unerklärlich schien damals der Aufstieg des Agraringenieurs. Ebenso undurchsichtig ist sein Rücktritt, den er am Sonntagabend erklärt hat. Per Fax teilte der Präsident seinem Volk mit, dass er zum Wohle der Nation auf sein Amt verzichte. Das Fax kam aus dem Hotel New Otani, Tokyo. Japan ist das Land, aus dem seine Eltern kommen, dorthin ist er nun geflüchtet. Der Kreis hat sich geschlossen. Das ist eine kleine Geschichte, die man sich unterhaltsam erzählen könnte, wenn da nur nicht dieses leidgeprüfte Land wäre, das er regiert hatte: Peru.

Unter den Peruanern herrscht Empörung über Fujimori, der seine Kündigung in der Art eines vorübergehenden Mieters eingereicht hat. Vor allem aber regiert Verwirrung. Ein neuer Übergangspräsident ist zwar bestimmt. Er soll bis zu den Wahlen im Frühjahr das Land führen. Aber die Fragen, welche die Peruaner sich derzeit stellen, werden das Land für längere Zeit nicht zur Ruhe kommen lassen: Warum bloß ist er auf diese Weise geflüchtet? Und was alles werden wir noch erfahren über die zehn Jahre der Herrschaft Fujimoris?

Sicher ist es nicht, aber sehr wahrscheinlich, dass Fujimori floh, nachdem er den Machtkampf mit seinem ehemaligen Weggefährten Wladimiro Montesinos verloren hatte. "Der schwarze Mönch", wie die Peruaner ihn nennen, hatte nie ein offizielles Amt inne, aber er war zweifellos einer der mächtigsten Männer der Ära Fujimori. Er führte Regie beim blutigen Krieg gegen die terroristische Organisation Sendero Luminoso, die das Land in den achtziger Jahren an den Rand des Abgrundes geführt hatte. 30 000 Menschenleben, 15 000 Verschwundene und 600 000 Flüchtlinge hat die Befriedung des Landes gekostet. Fujimori konnte sich als Sieger im Kampf gegen den Terror präsentieren. Und er dankte es Montesinos, indem er ihn trotz aller Korruptionsvorwürfe, die gegen den "schwarzen Mönch" erhoben wurden, in Schutz nahm. Dieses enge Bündnis aber hatte seinen Preis, und den bezahlten vor allem die Peruaner.

Der "schwarze Mönch" Montesinos kann noch viele in den Abgrund reißen

Fujimori/Montesinos wurde mit den Jahren ein Synonym für Willkürherrschaft. Ihre Merkmale reichten von schamloser Korruption über Einschüchterung Oppositioneller bis zur Aushöhlung des Rechtsstaates. Je mehr sich Fujimoris Peru zur Diktatur entwickelte, desto mehr büßte der Präsident an Rückhalt in der Bevölkerung ein. Bei den letzten Wahlen im vergangenen Frühjahr konnte er sich nur mittels Wahlfälschung und Verfassungsänderung im Amt halten. Seitdem befindet sich Peru in einer Dauerkrise.

Durch seine wenig koschere dritte Wiederwahl verlor Fujimori auch die Unterstützung der USA, die bis dahin zu ihm gehalten hatten. Fujimori hatte während seiner Amtszeit den Drogenanbau im eigenen Land drastisch reduzieren können. Das war für die USA entscheidend. Ihr Interesse in der Region gilt vor allem dem Kampf gegen die Drogen. Peru spielt dabei eine herausragende Rolle, immerhin grenzt es an die Kokain-Republik Kolumbien. Diesem Land haben die USA vor zwei Monaten mehrere Milliarden Dollar Militärhilfe bezahlt.

Legitimationsverlust im Inneren, Prestigeverlust im Ausland - unter diesem Druck zerbrach das Bündnis zwischen Fujimori und Montesinos. Zunächst flüchtete Montesinos außer Landes, nur um nach wenigen Wochen zurückzukehren. Kurze Zeit darauf wurde das Gerücht publik, Fujimori habe seinen Wahlkampf 1990 mit Geld des kolumbianischen Drogenkartells finanziert. Die Quelle ist eindeutig: Wladimiro Montesinos. Es heißt, er besitze über jeden, der etwas zählt im Land, kompromittierendes Material. Er soll auch den Beweis dafür in der Hand haben, dass Fujimori in Japan geboren wurde. Wenn das stimmt, hätte er gemäß der Verfassung Perus niemals für das Präsidentenamt kandidieren dürfen. Es besteht kein Zweifel daran, dass Montesinos jetzt, da er die Macht verloren hat, bereit ist, sein Wissen einzusetzen.