Gehen oder gegangen werden, das ist in der SPD derzeit die Frage. Erst vor einer Woche nahm Verkehrsminister Reinhard Klimmt unfreiwillig seinen Hut, heute ist es Kultur-Staatsminister Michael Naumann, der aus freien Stücken seinen Posten aufgibt. "Schröder von Schöngeist verlassen", titelt frotzelnd die "taz". Der "Tagesspiegel" gibt sich nüchterner: "Naumann verlässt Kabinett". Ob des Weggangs ihres beliebtesten Stichwortgebers geht ein Schluchzen durch die deutschen Feuilletons, das man heute auf allen Titelblättern vernehmen kann. Tiefe Trauer auch bei den Enteigneten der ehemaligen DDR. "Karlsruhe verweigert Alteigentümern mehr Geld", titelt die "Süddeutsche Zeitung" in ihrem Aufmacher. Die Entscheidung der Karlsruher Richter, auch bei den Wiedergutmachungen für Enteignungen durch die Sowjets keine höheren Entschädigungsleistungen zu gewähren, schaffte es auch auf die Pole-Position der "FAZ" - allerdings mit anderer Gewichtung als bei der Münchner Konkurrenz: "Opfer der Bodenreform in Karlsruhe gescheitert". Weiter bergab ging es gestern an der Börse, wo Nasdaq und Nemax auf ihre Jahrestiefstände gefallen sind: "Flucht aus dem Neuen Markt" titelt das "Handelsblatt". Die "Bild"-Zeitung lässt heute von den Seitensprüngen deutscher Prominenter ab und wendet sich einem ernsten Thema zu: "Neonazis ertränken Kind" - am helllichten Tag in einem öffentlichen Schwimmbad im ostsächsischen Sebnitz, in dem fast 300 Besucher waren.

Ursula Knapp von der "Frankfurter Rundschau" hat es vorher gewusst: "Die nun endgültig enteigneten Alteigentümer der DDR hätten wissen können, dass das Bundesverfassungsgericht gegen sie entscheiden würde." Schließlich hätten schon vorher mehrere Urteile festgestellt, dass die Bundesrepublik nicht Eigentumsrechte wieder herstellen müsse, die sie gar nicht entzogen habe, doch die Gruppe der Kläger "scheint argumentativ nicht mehr erreichbar". Keinerlei Verständnis hat die Kommentatorin für die Empörung der Kläger wegen des Hinweises von vier der acht Richter, dass andere DDR-Bürger "durch Freiheitsentzug oder Berufsverbote ebenfalls schwere und irreparable finanzielle Einbußen erlitten hätten". Auch die "Süddeutsche Zeitung" hält diesen Vergleich für juristisch angebracht: "Vergleicht man alle Alteigentümer mit den Schicksalen vieler schwer geschädigter DDR-Bewohner (und erinnert an die für die Wiedervereinigung bezahlte Billion), so ist das geprüfte Gesetz verfassungsrechtlich in Ordnung." Guido Heinen von der "Welt" hingegen gibt aufgrund des Urteils den Kalten Krieg im nachhinein doch noch verloren: "Gestern konnte die kommunistische Ideologie, die mit Gewalt und Terror Bauernland der Junkerhand entwandt, einen zweiten (...) Sieg erringen. Gesiegt hat sie (...), weil die Opfer von damals auch zehn Jahre nach dem Einzug des Rechtsstaats in 40 Jahre lang mit Unrecht und Willkür regiertes Gebiet nicht zu ihrem Recht kommen. Die ungerechten Folgen historischen Unrechts sind also festgeschrieben worden." Und weil's so schön war, hier noch mal zum Genießen: "Bauernland der Junkerhand entwandt".

Nach zwei Jahren Amtszeit verlässt Michael Naumann das Kabinett und wird Mitherausgeber der "Zeit", für die er auch in früheren Jahren schon gearbeitet hat. Allenthalben erweisen ihm die Kommentatoren heute ihren Respekt, denn der Mann wird Spuren hinterlassen. "Zeitweise war er im Blätterwald präsenter als sein Kabinettskollege Walter Riester, der über den hundertfachen Etat verfügt", schreibt Ralph Bollmann in der "taz". Naumann habe seine Rolle als "Wahlkampfjoker" erledigt, der der SPD den intellektuellen Teil der neuen Mitte zurückerobern sollte. Auch Claudius Seidl in der "Süddeutschen Zeitung" erinnert an die Wahlen vor zwei Jahren und den damaligen Überdruss der deutschen Intellektuellen an der alten Regierung: "Im Sommer kam Naumann und hatte, was Kohl und dessen Leuten fehlte." Dass Naumann beim "Bildungsbürgertum und dessen publizistischen Sachwaltern, den Feuilletons," so gut ankam und einen "Resonanzraum im deutschen Kulturbetrieb" fand, erklärt Seidl so: "Er suggerierte, dass diese Regierung sich um die Kultur nicht nur kümmere, sondern selber eine habe - und lenkte so sehr wirkungsvoll davon ab, dass Schröders Regierung ansonsten intellektuell auch nicht mehr zu bieten hat als ihre Vorgängerin."

Suggestion ist auch auf dem Börsenparkett der Weg zum Erfolg. Ist der Bann einmal gebrochen, kann es schnell bergab gehen. Gestern fielen Nemax und Nasdaq auf ihre diesjährigen Tiefststände, und so recht glaubt derzeit niemand mehr an die noch vor kurzem als Börsenwunder gefeierten Technologiewerte. Es sei denn, die "Playstation-Hysterie" bricht auch in Deutschland aus. Wie die "Welt" auf der Titelseite berichtet, kommt die Playstation 2 morgen bei uns auf den Markt. Und die "hat das Zeug dazu, nicht nur Teenager psychisch abhängig zu machen", sondern "das kleine Schwarze mit den charakteristischen Lamellen passt auch bestens zu Bauhausmöbeln oder Küchengeräten italienischer Provenienz". 'Türlich, 'türlich, sicher Dicker, man kann damit auch Musik hören, DVDs gucken, Rasen mähen, sein eigenes Bier brauen und natürlich Haarproben auf Betäubungsmittel testen und das alles zu einem Schnäppchenpreis von 869 Mark. Und wer das alles nicht braucht, kann immerhin dazu beitragen, die Börsenkurse wieder anzukurbeln.

ausgewertet: FAZ, FR, SZ, Welt, Bild, Tagesspiegel, taz, Handelsblatt

Das ZEIT-Printletter-Team (Jörg Dahlmann (jd); Volker Hummel (vh); Lutz Kinkel (lk); Michael Prang (mp)) gibt werktäglich einen Überblick über die wichtigsten überregionalen Tageszeitungen Deutschlands. Sie können den Printletter kostenlos beziehen. Rufen Sie http://www.zeit.de/newsletter auf, um Ihre Bestellung aufzugeben.