London/Amsterdam

Wenn sich am Freitag dieser Woche in einem kleinen Schloss in der Nähe von Stockholm die Sherpas der "progressiven Regierungen" zur Vorbereitung des nächsten Gipfels ihres neuen Mitte-links-Netzes treffen, wird im Geiste einer unter ihnen sein, der dort nicht hingehört: George W. Bush. Die Helfer der bisher 15 Staats- und Regierungschefs aus fünf Kontinenten haben zwar eine detaillierte Tagesordnung. Sie werden über die Erweiterung dieses Kreises (um die Präsidenten Polens und Südkoreas) sprechen, über eine elektronische Verknüpfung ihres mehrstufigen Netzes (von den Experten über die Sherpas bis zu den Chefs) und über die Tagesordnung des 2001-Gipfels. Doch ein wichtiges Randthema ihrer Gespräche wird die amerikanische Wahl sein - und der von allen erwartete Erfolg des konservativen Texaners.

Denn dass beim Zählen noch ein Wunder geschieht, daran will unter denen, die in Europa auf Al Gore gesetzt und gehofft hatten, kaum noch einer glauben. Und so geht es, wo immer europäische Sozialdemokraten in diesen Tagen des Wartens auf ein endgültiges Ergebnis zusammenkommen, um die Frage, wie der "Europäer" Gore trotz des viel gerühmten ökonomischen Erfolgs der Clinton-Präsidentschaft mit einem - selbst im Fall eines Nachzählwunders - derart enttäuschenden Ergebnis abschneiden konnte? Wieso sind Wähler so ungerecht? Welche Fehler hat Al gemacht? Was muss Europas Regierungslinke daraus lernen? Ist das Bush-Feuer eine Warnung für Europas progressive governments?

Das Thema mag, wie kürzlich auf einer internen Konferenz von Think Tanks in London, die soziale Gerechtigkeit in veränderten Weltwirtschaftsstrukturen sein. Oder eine öffentliche Parteienkonferenz, wie am vergangenen Wochenende in Amsterdam unter Beteiligung der Regierungschefs Wim Kok und Gerhard Schröder, mag sich dem "modernen Sozialstaat" widmen. Jedes Mal aber drehen die Gespräche sich auch um die politische und gar intellektuelle Herausforderung, die in dem Erfolg der Bush-Kampagne für Europas Mitte-links-Regierungen steckt. Wäre es denkbar, dass dieser "neue Republikaner" (Bush) die Modernisierer aus der Denkschule der Clintons, Blairs und Schröders auf dem "Dritten Weg" überholte?

Bush sucht den Dritten Weg der Konservativen

Eine der Schlüsselfiguren im Network der Modernisierer, der niederländische Staatssekretär Dick Benschop, mahnt seine Partner ausdrücklich, Bush nicht zu unterschätzen. Vor allem dessen Parole, er stehe für einen neuen Konservatismus der Mitmenschlichkeit, einen "compassionate conservatism", sei ernst zu nehmen. Benschop, bereits ein Veteran im relativ jungen Modernisierungsdiskurs zwischen den Regierenden, ist überzeugt davon, dass Bush, sollte er schließlich Präsident werden, "einen Klimawechsel herbeiführen wird". Mit seiner wohltönenden Botschaft vom Konservatismus der Mitmenschlichkeit beanspruche er den Platz in der Mitte. "Das ist eine Herausforderung für uns. Compassionate conservatism ist der Dritte Weg der Rechten." Damit könnten die versprengten Seelen der europäischen Christdemokraten und Konservativen, die zurzeit unter der kulturellen Hegemonie der europäischen Reformlinken mindestens so leiden wie die alte Linke, in diesem Bush einen neuen Orientierungspunkt finden.

Das ist nicht unbedeutend. Die Modernisierer erinnern sich nur zu gut, wie wichtig Clinton, vor allem dessen Wiederwahl im Jahr 1996, für sie selbst war. Der Präsident mit dem Image des behutsamen Reformers war es, der für den Abschied vom Deficit-Spending, für die Arbeit an einem "neuen Wohlfahrtsstaat" und die Notwendigkeit einer "linken Angebotspolitik" als Erster den Begriff Dritter Weg aus der rhetorischen Asservatenkammer geholt und entstaubt hatte. Gemeinsam mit Tony Blair machte er daraus ein transatlantisches Projekt, dem der Londoner Soziologe Anthony Giddens akademische Weihen gab und dem sich schließlich, nach einigem Zögern, als Erstes die Nordwesteuropäer anschlossen: Niederländer, Belgier, Deutsche, Schweden.