Die Eltern geben sich freilich nicht zufrieden, stellen eigene Ermittlungen an, tragen ihren Fall Wissenschaftlern vor – laufen aber lange gegen Wände, Wände des Schweigens und der Untätigkeit. Erst Jahre später fängt der erste Zeuge der Tat im Schwimmbad an, seine Mitwisserschaft zu offenbaren: Was lange offiziell als Unfall, den keiner gesehen haben will, dargestellt wurde – es war ein Gruppenmord an dem Jungen. Er wurde von mehreren – von wie vielen, das weiß man noch nicht genau, weil es so viele waren – gepackt, geschleppt, gefoltert, ins Wasser geworfen, unters Wasser getreten – bis er tot war. Und das Tolldreiste schon damals: Keiner will von diesem Kollektivgeschehen irgendetwas bemerkt haben. Es lag halt nur ein Kind tot auf dem Beckenboden, später...

Nun der Fall hinter dem Fall: Wäre die Geschichte nicht dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen vorgetragen worden, hätte dessen Chef nicht persönliche Beziehungen zum Justizminister Sachsens (denn in diesem Lande trug sich der Fall zu, in dem kleinen Städtchen Schnitz) und deshalb dem obersten politischen Hüter der sächsischen Justiz die Causa vertraulich auf oberster Ebene nahe bringen können – die unteren und mittleren Ermittlungsorgane hätten sich wohl weiter taub gestellt; schon um nicht ihre vorausgegangene Wegseherei und Desinteressiertheit kritisch untersuchen zu müssen.

Jetzt sind, nachdem die Staatsanwaltschaft erst einmal drei Verdächtige aufgegriffen hat, alle entsetzt und schockiert – aber einige tun nur so. Hier eine Warnung vor Heuchelei: Ich selber wusste, ebenfalls aus privaten Verknüpfungen, seit Monaten von dem Fall – und habe als Journalist mein Wissen deshalb zunächst für mich behalten, weil sich – s.o. – die Möglichkeit abzeichnete, dass der Justiz von oben her noch ordentliche Beine gemacht werden könnten. Und folglich nehme ich es niemanden in der Stadt (und in der sächsischen Justiz) ab, wenn er jetzt – erst jetzt! – entsetzt tut; es sei denn über sein eigenes Untätigwerden.

Die Mutter des ermordeten Sohnes sitzt im Stadtrat von Schnitz, der Vater von irakischer Abstammung ist der örtliche Apotheker. Politischer Konkurrenzneid, wirtschaftlicher Konkurrenzneid? Es gibt in unserem Land Fremdenfeindlichkeit, besonders aggressiv wird sie dann, wenn "Ausländer" eine "Deutsche" heiraten. Der Fall hinter dem Fall: Ein entsetzlicher Abgrund. Wenigstens wird er nun, endlich, ausgeleuchtet.