Hier könnte der routinemäßige Kritiker alles Konservativen auf den Gedanken kommen: "Da sieht man es einmal wieder - die haben etwas gegen Demokratie und Mitbestimmung!" Sei es damit, wie es sei - in diesem Zusammenhang geht es um etwas anderes, nämlich um die Verfassung der CSU und um die der Union aus CDU und CSU. Würden nämlich sämtliche Mitglieder beider Parteien zusammengenommen in geheimer, gleicher usf. Ur-Wahl ihren Kanzlerkandidaten bestimmen, dann hätte die CSU keinen überragenden Einfluss mehr auf diese Entscheidung. Sie wäre vielmehr leicht zu majorisieren. Nehmen wir einmal an, alle CDU-Mitglieder wären für Angela Merkel, alle CSU-Mitglieder für Edmund Stoiber - der Mann hätte in einer solchen Abstimmung einfach keine Chance. Übrigens hat sich das Problem des relativen Gewichts der bayerischen CSU in der bundesdeutschen Christdemokratie seit der deutschen Wiedervereinigung noch verschärft. Bis 1990 war die CSU nämlich "die Union" in einem Bundesland von elfen gewesen - seither steht das Verhältnis sozusagen 1 zu 16; unter normalen Umständen spräche man von einer Regionalpartei.

Aber in der Union ist so manches nicht normal: Die CSU wechselt die Perspektive je nach bayerischen Hausbedarf. Einmal, zum Beispiel bei der Begründung der gemeinsamen CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, tritt sie zusammen mit der CDU als eine gemeinsame Partei auf - ist die gemeinsame Fraktion jeweils zu Beginn einer neuen Legislaturperiode pro forma wieder einmal begründet (wenn's geht: möglichst als größte Fraktion, die das Recht hat, den Bundestagspräsidenten zu stellen), so besteht sie anschließend weiterhin auf ihrer Sonderstellung (zum Beispiel: keine wesentliche Beschlüsse gegen die bayerische Landesgruppe), als handle es sich in Wirklichkeit um eine Koalition zwischen zwei selbständigen Parteien.

Und nun, in der Vorbereitung der Kanzlerkandidatur 2002, dasselbe: Diese Frage wird schon vorab als Koalitionsfrage behandelt - also als eine Sache, die zwei Parteiführungen untereinander wie zwei kriegsführende Parteien auszuhandeln haben; das Parteivolk, gar als eine gemeinsame Größe, könnte diese Verhandlung von gleich zu gleich nur stören - und damit die Sperrminorität der CSU.

Und damit die CSU wirklich nicht an die Wand gedrückt wird, bringt Glos gleichzeitig die mögliche Anwartschaft von Edmund Stoiber erneut ins Gespräch, obwohl Stoiber selber eine solche Absicht "definitiv" ausgeschlossen hatte. Nun also bleibt uns bis zum Frühjahr 2002 Zeit, herauszufinden, was Michael Glos wirklich beabsichtigt hatte: Wollte er die gleichberechtigte Mitsprache der CSU (gegen alle Basisdemokratie) anmelden, um Edmund Stoiber doch noch eine Chance zu verschaffen - oder hat er Edmund Stoiber erneut ins Spiel gebracht, um den Mitspracheanspruch der CSU, der sonst sehr abstrakt bliebe, personalpolitisch zu unterlegen? - Schwer zu entscheiden, angesichts der derzeit geringen Aussichten der Union, die Wahl 2002 - so oder so - zu gewinnen...