Draußen treibt die Bora ihr Spiel. Fegt das Karstgebirge hinunter, das sich im Rücken der Stadt erhebt, kehrt Wolken zusammen, mischt alle Farben neu, streicht den Himmel turmalingrün, taucht das Meer ins Aquamarinblau, klappt Mantelkrägen hoch, löst die Dachziegel und erinnert daran, dass auch in Italien der Sommer einmal zu Ende ist.

Wer diese Stadt nicht rechtzeitig verlässt, stemmt sich ein Leben lang gegen den Wind. Triest: Stadt, von einer Laune der Geschichte an den Rand geschoben, Grenzstadt, Provinzstadt, wo die gute Gesellschaft am harten Brot der Erinnerung kaut. Stadt der Alten, sie tauchen im Frühjahr als Erste ins Meer, und wenn jede Pore vor Schmerz schreit. So sind sie: figli del mare, so haben sie gelebt, das Gesicht dem Meer zugewandt. Sonntags führen sie am Lungomare den Enkel an der Hand, spazieren bis zum Rand der Mole Audace - und proben den Abschied an jedem Abend. Kein Eis wird das Kind halten, kein Turmalingrün und nicht die im Herbstlicht glänzenden roten Lackschuhe. Das Kind wird gehen, sobald es 17 ist oder 18 - nach Rom, nach Mailand, nach Ljubljana. Das Kind Triests - dem Fluchtinstinkt gehorchend wie so viele vor ihm, denn nicht jeder träumt von einer Karriere hinter einem Bankschalter oder in der staubgesättigten Luft eines Büros der Assicurazioni Generali.

Triest, mit der ewigen Bringschuld gegenüber dem Meer: Hafen der Habsburger, genährt und fett geworden von der kalkulierten Großzügigkeit der Dynasten in Wien. 1719 zum Freihafen erklärt, mit Privilegien ausgestattet, es herrscht religiöse Toleranz. Und sie kommen alle: die Hasardeure, die Ganoven von Format, Griechen, Serben, Slowenen, Deutsch-Österreicher, Juden. Die Stadt wächst. Der Hafen, die Börse eröffnet, auf trockengelegten Salinenfeldern entsteht der Borgo Teresiano. Ein Viertel, das sich mit seinem Namen vor der Kaiserin in Wien verbeugt, ein Viertel, in dem nichts dem Spiel des Zufalls überlassen blieb, wo die klare Geometrie etwas verrät über den merkantilen Geist der Stadt. Und wo noch jede Straße, im Nordwesten beginnend, zum offenen Meer führt. Wer in jener Zeit reüssiert, ist verschwenderisch in der Darstellung seines Glücks. Residiert in einem der Paläste, die die Piazza dell'Unità flankieren, applaudiert am Abend bei Kerzenschein im Teatro Verdi den Künstlern, die er bei Tageslicht gering schätzt.

Triest: Der Aufstieg kommt vor dem Fall, diese Lektion hat die Stadt gelernt. Der Kalte Krieg schiebt die Stadt an die Demarkationslinie einer geteilten Welt. Um die konkurrierenden Ansprüche von Jugoslawen und Italienern endgültig zu klären, bestimmen 1954 Politiker im fernen London, dass fortan die Stadt Teil Italiens, Istrien aber jugoslawisches Hoheitsgebiet sein soll.

Vom Hinterland getrennt, erlebt Triest seinen wirtschaftlichen Niedergang. Rom alimentiert die Stadt und steht doch im Verdacht, ihren Wiederaufstieg zu sabotieren. Andere Häfen werden ausgebaut und übernehmen das Geschäft: Venezia-Mestre, Coper, gleich hinter der Grenze, und Rijeka.

Triest, Stadt der unbeglichenen Rechungen: Wer hat die 300000 Italiener entschädigt, die, Haus und Grund verlassend, aus Istrien flohen vor der sozialistischen Definition von Glück? Und wer hat sich entschuldigt für das Unrecht, das man in der Zeit des Faschismus den Slawen antat, den Slowenen? Ihre Schulen werden geschlossen, das Kulturhaus wird schon 1920 in Brand gesetzt.

Ein Slowene in der Oper? Buh, rief das Publikum