Freundschaften sind in der Wirtschaftswelt bisweilen von kurzer Dauer. Gerade ein Jahr ist es her, da stellte DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp einen freundlichen Kanadier namens James P. Holden ("my friend Jim") der Öffentlichkeit als neuen "President and Central Executive Officer" (CEO) von Chrysler vor. Endlich schien er seinen starken Mann in Amerika gefunden zu haben.

Vergangene Woche war der 49-jährige Vertriebsexperte, der seit 1981 Karriere im Chrysler-Hauptquartier Auburn Hills bei Detroit gemacht hatte, in der offiziellen Pressemeldung noch zwei lapidare Sätze wert: "Der bisherige CEO Jim Holden wird das Unternehmen mit sofortiger Wirkung verlassen. Ihm gebührt Dank für seinen langjährigen Einsatz für das Unternehmen." Schrempp, der sich gerne als Mann der Tat präsentiert, hatte auch gleich einen Nachfolger parat: den 47-jährigen Dieter Zetsche (Schrempp: "Er kennt die Welt des Automobils in allen Facetten"). Der schnelle Wechsel sollte nach dem rapiden Kursverfall der DaimerChrysler-Aktie und den Hiobsbotschaften aus Auburn Hills (ZEIT Nr. 47/2000) Schrempps Tatkraft belegen.

Dass er Zetsche nach gerade einem Jahr an der Spitze der Lkw-Truppe schon wieder abziehen muss, zeigt, wie überrascht Schrempp letztlich von den gravierenden Problemen bei Chrysler worden war. "Die Decke ist dünn geworden im Topmanagement", sagt ein Stuttgarter Insider. Schrempp musste seinen Aufsichtsräten eingestehen, dass er keinen Amerikaner hatte ausmachen können, dem er die rasche Wende in der Chrysler-Zentrale zutraut. Kein gutes Zeugnis für die Chrysler-Manager.

Natürlich hat die Nachricht, einen Deutschen an die Spitze der Chrysler Group zu setzen, in Detroit für Aufsehen gesorgt. Die US-Presse hatte den Ausverkauf der nationalen Interessen bei der "amerikanischen Ikone" schon des Öfteren beklagt. In der Tat war vom einstigen "Dream Team", das Chrysler vom Pleitekandidaten - für kurze Zeit - zur Profitmaschine formte, schon vor der Demission Holdens kaum jemand übrig geblieben. Etliche Topmanager gingen zur Konkurrenz, etliche in den opulent abgefederten Vorruhestand wie Schrempps Ko-Vorstandschef Bob Eaton. Andere wie der aufmüpfige Holden-Vorgänger Thomas Stallkamp wurden rausgedrängt. Zuletzt hatte Schrempp auch noch ausposaunt, dass er von Anfang an die "Fusion unter Gleichen" nur vorgeschoben habe.

Doch trotz aller psychologischen Vorbehalte: Selbst Steven Yokich, Vertreter der US-Automobilarbeitergewerkschaft UAW im DaimlerChrysler-Aufsichtsrat, stimmte der Entlassung Holdens schriftlich zu. Zum einen wissen die US-Gewerkschafter ziemlich genau um den Handlungsbedarf, und zum anderen können sie auf leidvolle Erfahrungen zweier Beinahepleiten zurückblicken.

Über die Qualitäten des Nachfolgers Zetsche gibt es kaum Zweifel. Er hat umfassende Erfahrung, kennt den US-Markt als ehemaliger Vertriebschef der Mercedes-Pkw und war Anfang der neunziger Jahre auch an der Sanierung der amerikanischen Lkw-Tochter Freightliner beteiligt. Und er kommt nicht allein. Mit Wolfgang Bernhard, der den erfolgreichen Anlauf der neuen Mercedes-S-Klasse managte und zuletzt die Tuning-Tochter AMG lenkte, bekommt er einen im Schwäbischen hoch eingeschätzten Vize zur Seite gestellt.

Insider tippen darauf, dass das Duo ein bewährtes Rezept des Vorstandsvorsitzenden anwendet. Als Schrempp 1995 in Stuttgart-Möhringen das Ruder übernahm, kehrte er alle Risiken zusammen und wies in der Bilanz dieses Jahres einen hohen Verlust aus. Schon im folgenden Jahr konnte er wieder einen schönen Gewinn verbuchen - und stand als großer Sanierer da.