Zur Mitte der Legislaturperiode tritt Gerhard Schröder mit seinem Projekt der "Zivilen Bürgergesellschaft" an die Öffentlichkeit. Dem pragmatischen Handwerkeln soll über den nächsten Wahltermin hinaus Perspektive gegeben werden - und zwar nicht nur, indem darüber geredet wird, sondern auch indem eine konkrete Materie in Gesetzesform gegossen werden soll: die Reform des Betriebsverfassungsgesetzes. An ihr wird sich ablesen lassen, ob die Regierung eine Gesellschaftsvision verfolgt, und auch: welche.

Die gesetzliche Mitbestimmung der Beschäftigtenvertreter in Betrieb und Verwaltung ist der eindrückliche Beleg für die pädagogische Wirkung guter Gesetze: Sie erzeugen eine ihnen entsprechende soziale Wirklichkeit und Mentalität. Der "Deutsche Weg" der Mitbestimmung hat zu einem spezifischen Milieu der industriellen Kooperation zwischen Arbeit und Kapital geführt. Der rechtliche Zwang zur Zusammenarbeit der wirtschaftlichen und betrieblichen Akteure stärkt ihre Bereitschaft und Fähigkeit zur Kooperation.

Die Form des konsensfähigen Industrialismus hat sich, trotz Globalisierung und Hans-Olaf Henkel, als besonders gut geeignet erwiesen, den neuen Herausforderungen zu begegnen. Aus der einst im Arbeitgeberlager - und zu Urzeiten auch bei den Gewerkschaften - weithin abgelehnten und bekämpften betrieblichen Mitbestimmung durch gewählte Repräsentanten der Mitarbeiter ist eine akzeptierte und ob ihrer integrativen Wirkung geschätzte Einrichtung geworden. Nur ideologische Hardliner lehnen dies Konzept nach wie vor ab und träumen vom leichten Weg dirigistischer Unternehmensführung.

Doch es hat sich einiges geändert. Zwar bestehen die zentralen rechtlichen und sozialen Institutionen der Industriegesellschaften in den Kernsektoren der industriellen Produktion noch fort. Aber die Musik spielt mehr und mehr woanders und in anderen Rhythmen. Mit dem neuen Amalgam von Industrie-, Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft gehen Veränderungen von Ökonomie und Arbeitsprozessen einher. Sie lassen erwarten, dass die im "rheinischen Kapitalismus" entwickelten Formen des "Habens und Sagens" der abhängig Arbeitenden einen empfindlichen Bedeutungsverlust erleiden werden.

Anzeichen hierfür werden seit längerem registriert: das Ende des Normalarbeitsverhältnisses, die Krise des Flächentarifvertrags und der Gewerkschaften und der sozialen Sicherungssysteme.

Nicht im Abgesang auf die Mitbestimmung, sondern in deren Anpassung an die veränderten Bedingungen, in ihrem Umbau und Ausbau liegt die große Chance für Produktivität und Innovation.

Zugleich eröffnet sich die Möglichkeit, die zivile Bürgergesellschaft mit der Arbeitssphäre zu verbinden, ja sogar teilweise auf sie zu gründen. Hier aber ist die Politik gefordert, soll ein gleichsam naturwüchsiger Machtzuwachs des Kapitals als Folgewirkung der neuen Handlungsoptionen in der Phase der Globalisierung verhindert werden.