Politik hat einen schlechten Ruf, und viele tun verdammt viel, um diesen Ruf zu rechtfertigen. Aber so schlecht kann sie nicht sein, denn sie verkraftet ein Phänomen wie Rita Süssmuth, kriegt es nicht wirklich klein - im Gegenteil. Verleiht ihm sogar beträchtliche Wirkungsmacht. Die Pädagogikprofessorin war eine Außenseiterin, als Kanzler Kohl sie umwarb in fernen, reformbeschwingten Zeiten Mitte der achtziger Jahre, und sie ist eine Außenseiterin geblieben bis heute, da sie den Vorsitz in der Zuwanderungskommission hat, berufen von der rotgrünen Regierung. Oft tief verhasst in den eigenen christdemokratischen Reihen, aber hoch geachtet beim politischen Gegner und in der Bevölkerung (bis zwei politische Inszenierungen - "Dienstwagen-" und "Flugaffäre" - ihren Neid erregenden Ruf gezielt zerstörten): Zwischen diesen gefährlichen Polen agierte sie erstaunlich sicher. Stets einem trotzigen Motto folgend: "Wer nicht kämpft, hat schon verloren."

Es ist auch der Titel ihres neuen Buches, in dem sie von ihren Siegen und Niederlagen berichtet, die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe und eine Innenansicht der Macht liefert - sprich: des Systems Kohl, das sie lieber das "Phänomen Kohl" nennt. Enthüllungen, eine Abrechnung mit dem Mann, der auch sie tief gedemütigt hat, sucht man aber vergeblich. Süssmuths Blick auf die Techniken der Macht, bis hin zum Einsatz massiger Körperlichkeit, ist analytisch kühl und fair. Im Übrigen resümiert sie: "Die große gesellschaftliche Zustimmung, deren sich Helmut Kohl erfreute, war eben auch die Zustimmung zu eben diesem Machttypus. Viele Bürgerinnen und Bürger sind, was die Erwartungen an Macht und Machtpolitik betrifft, noch keineswegs in der Demokratie angekommen, sondern tief verwurzelt in traditionellen Machtvorstellungen."

Rita Süssmuth, eine Autonome, eine Liberale mit staunenswerter Karriere - Ministerin aus dem Stand, Vorsitzende der Frauen-Union, Bundestagspräsidentin. Oft hat man sich gefragt: Was macht sie bloß in der CDU? Diese Frage hat sie wohl selbst umgetrieben, denn ein Kapitel hat sie mit CDU: politische Heimat - politische Freunde überschrieben. Ihr innerer Kompass ist geeicht auf die humanistischen Prinzipien der katholischen Soziallehre, aber was daraus politisch folgt - die Integration politischer und gesellschaftlicher Randgruppen wie Frauen und Ausländer, Aufklärung statt Repression im Falle von Aids -, war und ist in der CDU ein Tabu. Die "Tendenzen zum Beharren im Herkömmlichen, zu Widerständen gegen gesellschaftliche Reform" seien in ihrer Partei besonders stark. Aus dieser Spannung scheint die zierliche Frau enorme Kraft und ihr ganz eigenes Beharrungsvermögen zu schöpfen.

Jürgen Habermas wurde einmal gefragt: Was ist von 68 geblieben? Er antwortete spontan: "Rita Süssmuth." Er meinte damit, dass eine Liberalisierung des Denkens bis ins bürgerliche Lager hinein gelungen war und sich nun eine streitbare Demokratie entwickeln konnte. Er hat Recht: Rita Süssmuth drückt das aus.

Ihrem Buch, das mit einem aufschlussreichen Kapitel über die Kontroverse um Hans Haackes Kunstwerk Der Bevölkerung im Reichstag beginnt, wünscht man viele Leserinnen und natürlich auch Leser, ganz besonders unter den jungen: Politik kann durchaus etwas mit Ethik und Moral, mit Intelligenz und Idealismus zu tun haben.

Margrit Gerste

Rita Süssmuth: