Auf dem Dorf, da feiern sie Schlachtfest, hauen ihre Frauen und treiben Inzest. Wer als Kind zweier landliebender Hippies in so einem Kaff an der Küste Englands aufgewachsen und nicht spätestens mit 18 weggezogen ist, bei dem, sollte man meinen, stimmt was nicht. Seit ihrem Durchbruch in den frühen Neunzigern kultiviert Polly Jean Harvey das Image der schwierigen Eremitin.

In ihren Liedern geht es um Frauen, die in der Einöde auf Männer lauern, sich dabei selbst verstümmeln - und auch noch Genuss daraus ziehen. Mal schlüpfte Harvey in die Rollen von Judith oder Delila, dann wieder tat sie "obszön und religiös überreizt", wie die Definition der Hysterikerin vor hundert Jahren lautete. Doch die Zurückgezogenheit hat auch Vorteile. PJ Harveys schaurige Zerrbilder von Weiblichkeit waren keine postfeministischen Parodien wie bei Madonna oder Courtney Love. Ihr schöner schwarzer Blues, in dem sich auch ganz blauäugig schwelgen ließ, umkreiste den Wunsch, alle Insignien der Männlichkeit darzustellen, ohne dabei die eigene Biologie zu verleugnen. Sie inszenierte sich als Diva, deren Körper in kein Kleidchen passen wollte, auch nicht in das politische der Riot Grrrls. Stattdessen orientierte sie sich an den Pixies und Tom Waits, sang theatralische Lieder mit Nick Cave oder von Kurt Weill. Wer Harveys neues, sechstes Album Stories from the city, stories from the Sea (Island Rec./Universal/Mercury) zum ersten Mal hört, muss denken, die dunklen Zeiten seien endgültig vorbei. Die Musik, während eines längeren Aufenthalts in New York entstanden, ist urban geworden, polierter, weniger bedrohlich. Manchmal lässt Harvey sich sogar zu einem Jauchzer hinreißen. Auch die Texte atmen eine neue Leichtigkeit: Szenen vor glitzernden Bars und Wolkenkratzern, die von einer neuen Liebe erzählen, mit der gut spielen ist. Aber warte, warte nur ein Weilchen ... schnell wird das christliche Recht auf Leid und Apokalypse doch noch erfüllt: Was eben in einem Duett mit Radiohead-Sänger Thom Yorke stilgerecht zelebriert wurde, hat plötzlich seine Abgründe. Die Liebe zerbricht, die Stadt splittert auf und zeigt ihre Fäulnis: Gestrandete, Stricher und Fixer - wie in einem expressionistischen Gedicht. Polly Jean Harvey, das gefährliche Mädchen vom Land, hat am Ende bloß eine Schwester gefunden: die Hure Babylon. Geschichten von der Stadt, Geschichten vom Meer - und gar nicht so weit entfernt von den Abgründen eines kleinen Dorfs irgendwo an der Küste Englands.