Am Anfang war der Filter. Der denkbar einfachste Effekt elektronischer Musik. Die Tonspur läuft, man dreht am Knöpfchen, der Bass verschwindet, die Mitten verschwinden, die Höhen verschwinden. Man dreht das Knöpfchen zurück, sie tauchen wieder auf. Dann lässt man es Rumms machen.

Mit verspielt-effektiven Mitteln wie diesem übernimmt Mitte der Neunziger eine kleine Pariser Szene für anderthalb Sommer die Hoheit über die europäischen Tanzflächen. Erst ist es nur eine Gruppe, dann sind es zwei, schließlich entsteht eine ganze Szene, ein Netzwerk von Produzenten. So ähnlich muss es gewesen sein, als in den frühen Sechzigern eine Handvoll Bands aus Liverpool die Vereinigten Staaten durcheinander wirbelten. French House, der Sound mit dem Filter.

Im Mittelpunkt des Geschehens: Etienne de Crécy. Mit Superdiscount, einem Album, auf dem er Bits und Pieces verschiedener Pariser Produzenten neu zusammenmischte, definierte er den Sound französischer House-Musik. Nun, vier Jahre später, hat Crécy sein erstes Soloalbum vollendet. Tempovision heißt es, und als wolle er sagen, dass nur die Musik zählt, ist das Cover schlicht weiß, die CD schwarz, und der Titel sieht aus, als würde er dreidimensional von der Hülle hochspringen, wenn man sich die entsprechende rot-grüne Brille aufsetzt. Aus nahezu jedem europäischen Magazin blickt einem sein Gesicht entgegen, die Platte wird begrüßt wie eine Rede zur Lage der House-Nation.

Die französische Invasion ist noch lange nicht zu Ende.

Ausgerechnet Frankreich, der Erbfeind guter Popmusik. Vor wenigen Jahren noch pflegte man den Kopf zu schütteln über Rockbands, die sich Téléphone nannten, und Radioansager, die englische Titel nicht richtig aussprechen konnten. Zwar gab es den Rai, die Musik der algerischen Einwanderer, und auch ein wenig französischen HipHop - ansonsten aber schien Frankreich eine andere popmusikalische Zeitrechnung zu haben. Es war das Land, wo die Jungs Pullover über den gebügelten Hemden mit blauweißen Streifen trugen, wo man noch in den frühen Neunzigern Johnny Halliday hörte und glaubte, diesen Zustand durch Quoten für französische Musik zementieren zu müssen.

All das schob Etienne de Crécy mit seinen Vorgaben für den neuen französischen Pop beiseite. Sie lauten: Gründe dein eigenes Label. Lass dich möglichst selten fotografieren. Bewege dich im Netzwerk einer flexiblen, unabhängigen Szene. Gehe keinen Kompromiss ein, spiele stattdessen mit den Zeichen deiner Jugend. Die Mittel, mit denen die elektronische Generation in Frankreich mit den erschöpften Stilgesten des Rock brach, dem Rummel um Stars und Botschaften, unterschied sich im Kern nicht von denen, die auch in Deutschland oder England Anwendung fanden. Doch eins machte French House zu etwas Besonderem: die Idee, sich von seinem Unbehagen am Rock nicht den Weg zum Pop verbauen zu lassen.

Die deutschen oder britischen Entwürfe elektronischer Musik lieferten funktionale Tracks für die Tanzfläche, die ohne visuelle Umsetzung auskamen oder, wenn sie auf die Charts zielten, sich aus einem Fundus stereotyper Bilder bedienten: tanzende Menschen am Strand, tanzende Menschen auf der Straße. Die Franzosen rund um Crécy dagegen schöpften aus dem Reservoir der Erinnerungen und fanden dort Zeichen aus dem globalen Jugendzimmer der Achtziger: Superhelden-Comics, Fernsehserien, Lifestyle-Magazine, Disco- und New-Wave-Plattenhüllen. So luden sie ihre Musik mit Glamour auf, ohne Starkult zu betreiben.