England ist abgeplatzt, Australien angefressen, Europa fehlt Farbe. Die Kontinente versinken im Meer, während die Meere verblassen auf dem Betonglobus vor dem ehemaligen Gouverneurspalast in Mindelo. Bloß ein etwas überdimensional geratener roter Punkt signalisiert die Lage: Sie befinden sich hier.

Ein Mindelo-zentrischer Standpunkt, fraglos. Für den Rest der Welt liegt die kapverdische Hafenstadt am Rand: am Rand des Bekannten, am Rand des Handels, am Rand selbst der zehn Kapverdischen Inseln, von denen SÆo Vicente eine ist, 500 Kilometer westlich von Afrika, dem Atlantik zugewandt. Kein Tropenparadies, der Name täuscht. Die Landschaft ist kahl, die Jobs sind rar, die Verhältnisse noch ärmlicher, seit die großen Schiffe auf ihrem Weg übers Meer nicht mehr auf Zwischenstopps angewiesen sind. Was sollten sie auch laden? Von hier kommt nichts außer Tunfisch und Weltmusik. Wer kann, zieht weg. "Don't forget, this is a third world country", sagt der Rezeptionist des Hotels Porto Grande, wenn die touristische Infrastruktur mal wieder versagt.

Der Lautsprecher in der Lobby aber steht nie still, und alle paar Stunden spielt er Sodade, den frühen Erfolgstitel der Cesaria Evora. Sodade, das geht runter wie Rum mit Cola, es ist der Minimalkonsens, der Einheimische und Reisende vereint, ein sanfter postkolonialer Blues für viele Lebenslagen. Man muss die Deportationsgeschichte, von der er handelt, nicht unbedingt mithören, zumal er zugleich eine ganz andere Geschichte erzählt. Ein Märchen aus globalen Zeiten: wie eine rundliche, dunkelhäutige, nicht mehr junge Frau aus schlichten Verhältnissen zur größten Berühmtheit des Landes aufstieg, und das allein aufgrund ihres Gesangs. Seit Mitte der Neunziger ist Cesaria Evora im Besitz eines Diplomatenpasses, den ihr der Premierminister eigenhändig, vielleicht sogar etwas demütig verliehen hat, schließlich: Wer kennt den Mann schon im Ausland, im Vergleich mit der "Stimme der Kapverden"?

"Der Minister ist ein sehr freundlicher Mann", sagt die Geehrte heute vom Sessel aus. "Beim Tod meiner Mutter kam er in mein Haus, um sein Beileid auszusprechen. Solche Dinge schätze ich sehr." Cesaria Evora, 59 Jahre alt und ebenso lange in Mindelo wohnhaft, schätzt Zeichen des Respekts. Um den Hals trägt sie Goldschmuck, darunter ein schweres Amulett mit dem Abbild Nofretetes, an den Wänden hängen die Trophäen ihrer späten Karriere: goldene Schallplatte in Griechenland, goldene Schallplatte in Portugal, noch mehr goldene Schallplatten aus Frankreich, dem Tor zum internationalen Erfolg. Die gute Stube mit der Couchgarnitur, der Hi-Fi-Anlage, den Riesenmuscheln unter dem Glastisch ist nicht einfach Empfangsraum, sondern Evora-Shrine. Neben einer Reminiszenz an Great Expectations, den Hollywoodfilm mit Gwyneth Paltrow, an dessen Soundtrack Cesaria beteiligt war, findet sich eine Elvis-Presley-Uhr. Warum Elvis? "Ich bin ein großer Fan seiner Kunst", sagt sie gelassen.

"Sodade" ist die Sehnsucht nach einem unbenennbaren Ursprung

Seit gelegentlich Kamerateams aus fremden Ländern vorbeischauen, hat Cesaria Evora gelernt, dass ihr Leben von Interesse ist, und damit es nicht langweilig wird, variiert die Sache stets ein wenig. Bereitwillig rekapituliert sie für den Journalisten aus Deutschland die Stationen ihrer Vita: in den frühen Vierzigern als Kind eines Geigers und einer Köchin zur Welt gekommen. Schulbildung? Kaum. Die Musik, auf der sprichwörtlichen Straße gelernt, hilft vor allem, den Lebensunterhalt zu bestreiten - "Ich habe nie ein Instrument gespielt, mich aber immer im Milieu gebadet". Als Teenager sang sie in den Hafenbars für die Matrosen und - weniger gern - auf den Festen der Reichen, in Mindelo ohne Ansehen der Hautfarbe "die Weißen" genannt. Einmal - auch diese Episode kursiert in verschiedenen Varianten - sollte sie vor allerhand Professoren und Doktoren auftreten, teils aus Coimbra und anderen Städten des portugiesischen Kolonialherrn angereist. Doch man wollte die 17-Jährige nicht mit nackten Füßen auftreten lassen. "Schau her", sagten sie, "hier haben wir dir etwas Schönes gekauft, sie haben sogar Riemchen." Cesaria nahm die Schuhe, betrat darin die Bühne - und warf sie vor aller Augen weg.

Bleibendes Resultat dieser Verwandlung von Demütigung in Triumph ist ein komplexes Verhältnis zu Schuhen (dem Medium des Auftretens), zum Eigentum überhaupt. Auf Tourneen, so heißt es, kauft Cesaria Dutzende von Paaren, um sie dann nicht zu tragen. Im Flugzeug shoppt sie die Duty-free-Wägelchen der Stewardessen leer, und auf der Rückreise noch einmal, bis die Koffer so schwer sind, dass die Besatzung des kleinen Flughafens von SÆo Vicente, wo nachts nichts fliegt, weil die Beleuchtung zu viel kostet, stöhnt unter der Last. Umgekehrt ist ihr Haus, im Zentrum der Stadt direkt gegenüber dem Exgouverneurspalast gelegen und stolze drei Stockwerke hoch, von seltener Gastfreundschaft. Im Eingang lungern abgerissene Gestalten aus den Straßen von Mindelo, die mitverköstigt werden oder auch gute Geister darstellen.

"Nicht jeder ist mit Schuhen an den Füßen zur Welt gekommen", gibt "Cize", wie Cesaria von Freunden und Freundesfreunden genannt wird, zu bedenken. Dass ein Interview irgendwann zu Ende ist, heißt noch lange nicht, dass man gehen muss, im Gegenteil. Bis zum Essen, gegen zehn Uhr abends soll es stattfinden, tauchen immer neue Frauen aus den hinteren Gemächern auf und schenken Getränke nach.

Es gibt die Bierholerin, die Whiskybringerin, die Schnapsanbieterin in diesem offenbar weitgehend matriarchal verfassten Haushalt. Sohn Eduardo, eins dreier Kinder von drei verschiedenen, allesamt wieder abgestoßenen Männern, schlappt müßiggängerisch in einem Fußballtrikot (Borussia Dortmund) vorbei und verschwindet wieder. Im Shrine sitzen derweil welche, die keiner kennt, womöglich Touristen, die einfach vorbeischauen wollten und nun - im Bann all der Goldenen und der Flaschen - nicht mehr hinausfinden. Die Hausherrin, die seit Jahren keinen Tropfen mehr trinkt, beobachtet das Geschehen aus den Augenwinkeln vom Sessel aus, gibt bloß dann und wann eine Direktive: noch einen "Grogue" für den Seemann, der es sich angeschickert unter dem Treppenabsatz gemütlich gemacht hat. Und jetzt allmählich das Essen auftragen. Die Vermutung, dies alles könnte etwas mit ihrem Geburtstag am 27.

August, dem Tag des Besuchs, zu tun haben, erfüllt sie mit Heiterkeit. "Es gibt hier jeden Tag ein Fest", wird man aufgeklärt, "eine eigene Feier würde gar nicht auffallen."

Allen Klischees vom leichten Leben unter südlicher Sonne zur Bestätigung und zum Trotz - Mindelo ist wirklich ein Ort der Vergnügungskultur. Im Sommer findet ein Straßenkarneval statt, eine Art Mini-Rio mit Wagen und Kostümen, zum Festival im zwölf Kilometer entfernt gelegenen Baia das Gatas reist alles an, was auf den Kapverden das Fahrgeld aufbringen und ein Instrument halten kann. Aber auch jenseits solcher saisonalen Ereignisse bestimmt das Ausgehen den Alltag. Auf der Terrasse des Porto Grande, wo das Importbier aus Portugal dreimal so teuer ist wie in der Altstadt, trifft sich die Jeunesse dorée des Ortes, bevor sie in die Disko zieht

direkt darunter, auf dem nach dem Freiheitskämpfer Amilcar Cabral benannten Platz, drehen die bürgerlichen Mädchen ihre Runden, immer straight bauchnabelfrei, im Viereck, vorbei an Hamburger-Bratern und Zuguckern verschiedenster Couleur. An der Hafenzeile und in den angrenzenden Gassen wird auf dunklere, afrikanischere Weise getrunken, palavert, gegrillt, aber auch hier dauert das Zusammensein bis tief in die Nacht. Mindelo - the city that never sleeps.

Dass der Mensch sich vergnügen soll, solange er kann, mag mit einer speziell kapverdischen Kontingenzerfahrung zu tun haben: Stets sind die Inseln von Wechselfällen heimgesucht worden, auf die von den Insulanern beim besten Willen kein Einfluss zu nehmen war. Dürrephasen, Hungerkatastrophen - sie kamen und gingen wie das Meer, das jahrhundertelang vor allem Piraten, Sklavenhändler und Missionare anschwemmte. Bis in die jüngere Vergangenheit hat sich daran wenig geändert. Als die großen Schiffe im Hafen von Mindelo noch Kohle bunkerten, ließen amüsierwillige, vor allem britische Seeleute ihr Geld in den Bars und Bordellen der Stadt - doch mit dem Ende der Dampferära begann der Niedergang des "kleinen Casablanca". Als die ersten Überseekabel verlegt wurden, wurde der letzte Atlantikhafen vor den beiden Amerikas noch einmal strategisch wichtig, doch mit der Erfindung der drahtlosen Kommunikation verlor Mindelo auch diese Vorpostenposition. In den letzten Jahren haben die Kapverden, in Verbindung mit ausländischen Reisegesellschaften, eine Tourismusoffensive gestartet. Doch die Kanaren sind näher, und Mallorca ballert besser, sodass die Betreuer vor Ort alle Mühe haben, die Einöde der Landschaft als "Faszination der Leere" zu verkaufen.

Kein Wunder, dass die Morna, der Gesang der Inseln, eine bluesnahe Musikform ist. Die traditionell zu Gitarre oder Piano vorgetragenen, von einem Instrument namens Cavaquinho synkopierten Lieder kreisen um ein Gefühl von Verlust, das der Musiker und Morna-Theoretiker Vasco Martins geschichtlich herleitet: "Sodade" - mit "Traurigkeit" nur unzureichend übersetzt - als später Reflex der Versklavung und Ausdruck der Sehnsucht nach einem unnennbaren Ursprung. Sie richtet sich auf das "weit entfernte Land", wie es auch Cesaria Evora besingt. "Wir kennen den geografischen Ort dieser terra longe nicht", spekulierte Martins der Journalistin Véronique Mortaigne gegenüber, "vielleicht ist es Afrika. Es ist nicht nur das Land der Emigration, sondern zugleich das verlorene Land. Selbst wenn wir kein klares Bewusstsein mehr davon haben, ein Volk von Sklaven zu sein, unsere Seele, unsere Art zu singen, beruhen auf dieser Irrfahrt."

Schön gesagt, fast selbst ein Blues. Mornas wie auch ihre schnellere Variante, die Coladeiras, handeln aber nicht nur vom Verlieren. Einflüsse brasilianischer Samba und französischer Musette sind auf verschlungenen Wegen hinzugekommen, hinter dicken Schichten von Fado, Tango, Mazurka, portugiesischen Modinhas. Francisco Xavier da Cruz alias B. Leza, Evora-Onkel und großer Innovator des Genres, soll im einzigen mindelischen Kino, dem Eden Park, von Chopin-, Puccini- und Wagner-Aufführungen fasziniert gewesen sein.

Das Wesen der Morna scheint im Synkretismus selbst zu liegen, so wie die Kapverden keine Urbevölkerung kennen, bloß freiwillige und unfreiwillige Immigranten. Vielleicht auch daher der Sinn für die handgreiflicheren Freuden des Lebens. Morna ist Alltagsmusik. Sie richtet sich an die vaquinha mansa, das "dumme Kälbchen", das Ärger macht und lieber aufpassen soll, nicht schwanger zu werden. Im Gassenhauer Nho Antone Escaderode geht es schlicht und einfach ums Besoffensein: "Wir waren zu dritt und tranken Rumpunsch, wir waren vollkommen abgefüllt und torkelten wie der bucklige Senhor Antone."

SÆo Vicente ist so arm, dass die Ziegen Steine fressen

Der Geschmack solcher Szenen ist noch vorhanden in den Liedern der Cesaria Evora, das Leben drum herum hat sich gewaltig verändert. Ungern erinnert sie sich an die Siebziger, als sie das Singen aufgegeben hatte und im Haus ihrer Mutter saß, einer gealterten Bar-Chanteuse, enttäuscht, verwirrt und etwas zu sehr dem Alkohol zugeneigt. Heute steht ein Tischchen mit einem Glas Wasser neben ihr auf der Bühne, die an ein Kabarett erinnert, und vom Aufbegehren gegen die bessere Gesellschaft ist - vor allem in Frankreich, wo das Comeback begann - ein Markenzeichen geblieben: Cesaria, "la diva aux pieds nus". Dass sie aber überhaupt zurückgekommen ist, hat seinen Grund in Konjunkturen, die für eine "afrikanische Frau" (Evora über Evora) so schwer zu durchschauen sind wie noch zu Kolonialzeiten. Während nämlich auf den Kapverden mit der wirtschaftlichen Öffnung der Wunsch nach Modernität wuchs, Kapellen plötzlich mit Synthesizern und Rhythmusmaschinen auftraten und Traditionspflege wenig gefragt war, sehnte sich das europäische Publikum bereits wieder nach dem Schönen, Wahren und Traurigen, dem Blues aus berufener Kehle.

Auch Globalisierungsmärchen haben ihre Gründe. Der weltweite Erfolg der "Stimme der Kapverden" wäre nicht denkbar ohne den weltweiten Trend zur Wiederentdeckung des Lokalen - als Antidot zu den vereinheitlichenden Tendenzen der Wirtschaft und der Kulturindustrie (und letztlich deren Bestandteil). Das Buena-Vista-Phänomen fällt ebenso unter diese Logik wie die sommerlichen Weltmusikfestivals in großen Städten. Allerdings muss jede Musik aus jedem Winkel der Erde heute durch dieses Nadelöhr, und im Falle Cesaria Evoras verblieb die Vermarktung im Rahmen der Exilgemeinde. Ergriffen von einem vereinzelten Cesaria-Unplugged-Auftritt in Lissabon, sagte sich ein Mann namens José da Silva, als Kind von den Kapverden ausgewandert: Wenn diese Stimme mir, der ich mich so weit von dieser Kultur entfernt habe, Schauer über den Rücken jagt, dann muss es auch bei einem mitteleuropäischen Publikum funktionieren.

Dies war in den späten Achtzigern. Die Cover der Plattenveröffentlichungen in den Neunzigern spiegeln den Versuch, ein Image für eine Frau zu finden, die in kein gängiges Image passt, und vor allem die frühen greifen dabei etwas hilflos in den Fundus der Drittwelt-Requisite: Cesaria als folkloristische Erscheinung mit nackten Füßen, Cesaria im Wallawallagewand, Cesaria als Frau aus dem Volk, die auf ein buntes Treiben hinabschaut. Distino di Belita, die CD, auf der die kräftige Altstimme noch von Synthesizern grundiert wird, zeigt aus Angst, Unpräsentables zu präsentieren, sogar bloß eine schemenhafte Zeichnung. Danach, bei gestiegenem Sinn für Edelauthentisches und gewachsener Allgemeinakzeptanz, plötzlich ein qualitativer Sprung: Die Bildermacher um da Silva haben gelernt, sind Profis geworden. Jetzt ist Cesaria strenge African Queen auf leopardenfellbeschlagenem Thron, schwarze Madonna von der Insel oder späte Nachfahrin Josephine Bakers in Pariser Kaffeehaus-Ambiente.

Café Atlantico, das bislang letzte Zeugnis dieses Willens zur Kunstwelt- oder Weltkunstmusik, ist auch das stimmigste. Die Platte wurde perfekt in Paris und Havana aufgenommen und geschmackssicher designt, ohne das Produkt überzupräsentieren. Einschmeichelnd, aber auch feinsinnig wie nie die Arrangements des Brasilianers Jacques Morelenbaum, der durch die Filmmusik zu Central do Brasil bekannt geworden ist, die Rhythmussektion im Hintergrund stammt aus Kuba, und etwas Karnevalsgefühl ist auch hinzugemischt. Ein Konzeptalbum eben, das von der Vorstellung lebt, Musiker aus aller Herren Länder träfen sich in Mindelo, um bei Kaffee und Rum die Idee des friedlich-fröhlichen Miteinandermusizierens voranzutreiben.

Dabei gibt es auf SÆo Vicente nicht einmal ein Tonstudio, die Ziegen fressen Steine, und im Café Royal an der Rua de Lisboa sitzen alte Männer. Selbst die Klimaanlage im Porto Grande ist machtlos gegen Staub und Hitze von draußen.

"Don't forget, this is a third world country."

Das Café Atlantico ist eine Fiktion, aber eine schöne. Und ein Fünkchen Realität ist ja darin. Es gehört zu den angenehmeren Erscheinungen der Globalisierung, dass Cesaria Evora heute als fest verwurzelter, mit spätem Reichtum gesegneter Weltstar in ihrem Mindelo ein open house betreibt, während die gesunkenen Kutter im Hafen vor sich hin rosten und die Weltkugel aus Beton weiter abblättert.

Tourneedaten: 23.11. Stuttgart, 24.11. Düsseldorf, 27.11. München, 28.11.

Frankfurt/M., 29.11. Berlin, 1.12. Karlsruhe, 3.12. Bonn