Zur Zeit der Aufklärung lehrte man, dass ein Mehr an Wissen in eine immer bessere Zukunft führen werde. Heute, im Zeitalter elektronischer Informationen, greifen die Amerikaner beim Auszählen der Wahlresultate als letzte Weisheit zurück auf manuelle Überprüfung. Da vertraut man also plötzlich der alten Methode mehr als der Elektronik.

Wie kommt das? Der ständige Wandel führt zu Veränderungsprozessen auch in geistig-intellektuellen Bereichen. Alle Maßstäbe gelten als überholt, Gewohnheit und Tradition zählen nicht. Die Rechte wird in gewisser Weise radikal, die Linke tritt als Bewahrerin beispielsweise des Sozialsystems auf, und beide streben der Mitte zu. Also weg von den ideologisch bestimmten Positionen.

Dieser Wandel hat Unruhe geschaffen und Ratlosigkeit erzeugt. Es gibt keinen Kompass, keine Orientierung und daher auch kein Konzept. Alle reden von der Globalisierung Teilbereiche der nationalen Souveränität sind längst abgegeben an WTO, Nato, IMF, EU ... und können auch nicht mehr zurückgeholt werden. Auf dem überaus wichtigen Gebiet der Finanz- und Währungsmärkte haben die Regierungen keinen Einfluss mehr. Niemand weiß, wo die Entwicklung, die wie ein reißender Strom an uns vorübersaust, enden wird. Wie sehr in diesem Chaos auch die Supermanager irren können, haben jene Zusammenschlüsse bewiesen, die erst triumphierend verkündet wurden, die sich aber nach kurzer Zeit als Fehlentscheidung entpuppten.

Wir müssen mit vielen merkwürdigen Widersprüchen leben: Während in Asien der Wunsch nach ein wenig Demokratie um sich greift (selbst in Russland und China), wächst der Verdruss dort, wo das System erfunden wurde. Oft heißt es: "Regt euch nicht auf, Korruption, Betrug, Gewalt hat es immer gegeben - neu ist nur, dass wir heute Medien haben, die sich mit Gier auf jedes Verbrechen stürzen und es von allen Seiten beleuchten." Nein, der Eindruck, unter einem Übermaß an Brutalität zu leiden, wird nicht künstlich erzeugt, er entspricht der Realität. Man muss nur untersuchen, was der Grund dafür ist.

Der Grund beruht auf dem Unterschied zwischen einer hierarchischen und einer egalitären Gesellschaft. Im hierarchisch strukturierten Ancien Régime hatte jeder - die Offiziere, der Adel, die Beamten ... - ganz bestimmte Verpflichtungen, die ihren Privilegien entsprachen. In der egalitären Gesellschaft, bei der alle Menschen gleich sind, sieht keiner ein, warum er sich honoriger verhalten soll als andere.

So viel aber steht fest: Wenn es nicht gelingt, im Bewusstsein der Bürger die Verantwortung für das Ganze aufgrund ethischer Werte zu verankern, wird die liberale Demokratie Schiffbruch erleiden.