Seine Finger waren so geschwollen, dass sie wie Krautwürste aussahen, die zu lange in heißem Wasser gelegen hatten. Hamburg, Norddeutscher Rundfunk, Studio Eins. 1. März 1972, etwa 16 Uhr. Ich stand hinter ihm und blickte über seine Schulter, verließ das Studio, weil ich keinem meine Tränen zeigen wollte. Das also war mein geliebter Bill Evans. Das also war der Pianist, der mir auf der sagenhaften Miles-Davis-Platte Kind of Blue ein Pfingsterlebnis verschafft hatte. Seine schwebenden Akkorde waren für mich Evangelium. Er transzendierte Gottfried Benns Satz von "den tiefen Dingen, die die Seele weiß". Ach, 1980 wurde meine ans Heroin gefesselte Lichtgestalt zu Grabe getragen. Und das, was Miles Davis in seiner Autobiografie geschrieben hat, ist von delikater Ambivalenz: "Bill war ein großer Pianist, aber meiner Meinung nach spielte er nie wieder so gut wie bei mir. Es ist merkwürdig: Viele weiße Musiker - nicht alle, aber die meisten -, die in einer schwarzen Gruppe groß rausgekommen sind, gehen weg und spielen nur noch mit weißen Typen, selbst wenn's ihnen bei den schwarzen Jungs ganz gut gegangen ist. Bei Bill war es genauso." Ruhig, Meister, ruhig! Es gab auch ein Leben ohne Miles Davis. Und das war keinesfalls zottig und belämmert.

Verlassen wir diesen Dampfer, der womöglich unter der Flagge des Rassismus durch die Musik pflügt. Wenden wir uns einer Edition mit acht CDs zu, die ein ergreifendes Vermächtnis ist. Ein Tränentrockner. Ein letzter Gruß an uns Hinterbliebene: Bill Evans Trio - The Last Waltz. Auf der Bühne des Keystone Korner, eines eher bescheidenen Nachtclubs in San Francisco, hatte Evans den Bassisten Marc Johnson und den Schlagzeuger Joe LaBarbara. Waren das seine Kofferträger? Keine Beleidigungen, bitte! Einst stand zu lesen, dass mit Bill Evans ein Pianist die Bühne betreten hätte, der die Demokratie innerhalb des Trios einführte. Die Ära der Rhythmus-Gurken war vorbei. Bassisten und Schlagzeuger waren endlich auch Menschen, und damit wurde eine Kommunikation unter Gleichberechtigten möglich. Scott LaFaro, der erste Bassist des Bill-Evans-Trios, spielte nicht mehr den "Sklaven-Bass". Er musizierte selbstbewusst und stolz. Zusammen mit dem Schlagzeuger Paul Motian, der nie wie ein Ding-a-ding-Idiot trommelte, war LaFaro der ideale Gesprächspartner für Bill Evans. Eine zarte Talkshow war entstanden. Brüll-Monologe à la Reich-Ranicki hatten ausgespielt. Als hätte eine Oktoberrevolution im Piano-Trio des Jazz den Zarismus hinweggefegt.

Eine völlig andere Bewusstseinsebene war erreicht. Sie erinnert an Zeilen aus Ingeborg Bachmanns Römischem Nachtbild: "Keiner springt ab. So gewiss ist's, dass nur die Liebe und einer den anderen erhöht." Genau das geschah in den neun Nächten vom 31. August bis zum 8. September 1980, wenige Tage vor dem Tod des großen Musikers. Das Trio spielte 65 Titel. Einige stammen aus der Feder von Evans. Das meiste Material gehört zur Liederbibel des amerikanischen Showbusiness: Polka Dots And Moonbeams von Jimmy Van Heusen, Spring Is Here von Richard Rodgers, My Foolish Heart von Victor Young, My Man's Gone Now von George Gershwin. Das sind Edelsteine, die das Trio mit kostbaren Fassungen umgibt. Und dann ist da noch Nardis von Miles Davis. Eine explosive Kurzkomposition, die im Lauf des Gastspiels sechsmal dargeboten wird. Wim Wenders spricht von "Blitzen, die durch Musik in mich hineinfahren". Das ist so ein Blitz. Ich schwöre! Welch ein Improvisationsexzess! Welch eine Hitze! Welch ein Wagemut! Erinnert an Zirkuskuppeln und an chinesische Trapezkünstler. Oder an Zustände, wie sie Rühmkorf in seinem Gedicht Hochseil beschreibt.

Zu guter Letzt ein väterlicher Rat an die hochwohlgeborenen Damen und Herren mit den schmalen Lippen, die glauben, Jazz sei Gebell von irgendeinem Hinterhof. Sie mögen sich diese acht CDs anhören. Wo schon der große Theater- und Filmschauspieler Günter Lamprecht über den Jazz gesagt hat: "Mein Gott, was für eine Musik!" Und bei Nichtgefallen? Am besten die Ohren zurückgeben an den Schöpfer. Wieder hinein in die Ursuppe. Apropos Untergang: Während der Aufnahmen des Bill-Evans-Trios saß der Knochenmann bereits im Publikum.

William John Bill Evans starb sieben Tage später, am 15. September 1980, 50-jährig in New York.

* Bill Evans Trio: The Last Waltz, The Final Recordings Live At Keystone Korner (Milestone 8 MCD-4430-2)