Ernst Bloch, der Philosoph, ließ kein gutes Haar an ihm, erblickte in ihm nichts als "ein leeres, gefährliches Können", eine "Lüge", einen "Quell der beständigen fruchtlosen Irritierung". Für Hindemith dagegen war er "der letzte Riese in der Musik", Aaron Copland hörte bei ihm nichts als "nachbrahmsische Schwülstigkeiten".

Max Reger war von jeher umstritten, eine Figur der Widersprüche. Er selbst witterte allerorten Verrat gegen seine Kunst und seine Person und erregte sich darüber, "wie die Herren Kritiker gegen mich wüten". Dabei war er ein höchst erfolgreicher Komponist, für den führende Dirigenten seiner Zeit wie Arthur Nikisch oder Ferdinand Löwe eintraten. Nach außen erschien er wie ein unverwüstlicher "Akkordarbeiter", ebenso berserkerhaft komponierend wie der Nahrungs- und Alkoholzufuhr frönend, aber in Wahrheit war er eine Mimose. Als "extremen Fortschrittsmann" sah er sich, fragte sich aber angesichts der revolutionären Drei Klavierstücke op. 11 von Schönberg, in denen die Tonalität implodiert, "ob so was noch irgend mit dem Namen 'Musik' versehen werden kann". Den Gedanken, die Gesetze der Tonalität außer Kraft zu setzen, empfand er als absurd. Und doch dehnte der Meister des Kontrapunkts und der strengen Polyfonie die Fesseln der Tonalität bis zum Zerreißen, arbeitete ungewollt daran mit, das tonale Gefüge von innen her zu zersetzen. Kleinste Konzession ans Publikum lehnte er fanatisch ab, was der Rezeption seiner Musik nicht gut bekam. Reger stand sperrig zwischen Traditionalismus und Moderne.

Spötter behaupten gern, er habe genauso komponiert, wie er aussah - unförmig, hypertroph, maßlos. Sein Orchesterklang ist opulent und die chromatisch aufgeladene Harmonik komplex wie bei keinem Zweiten. Sie bietet irritierend wenig Orientierung, lässt alle Konturen in opalisierendem Klangrausch zerfließen. Sogar Regers umfangreiche Kammermusik ist nicht frei von solchen Zügen. Im Streichsextett F-Dur op. 118 etwa läuft der Hörer Gefahr, im Gewirr kunstvoller motivischer Verzweigungen und Abspaltungen den Überblick zu verlieren.

Umso faszinierender wirkt die enorme Transparenz, mit der das Wiener Streichsextett das Stück jetzt auf CD eingespielt hat. Ein fulminantes, ja inbrünstiges Plädoyer für den schwierigen Komponisten. Im langsamen Satz kommt - wie stets bei Reger - die Musik zu sich, findet zu einer glühenden, unbedingten und gleichzeitig weltentrückten Intensität, die den Philosophen Bloch Lügen straft. Ohnehin kann er das Klarinettenquintett op. 146 nicht gekannt haben. Sabine Meyer und die Wiener verleihen dieser offenkundigen Hommage an Mozart und Brahms eine berührend abgeklärte Heiterkeit. Aus Regers letztem Werk spricht die melancholisch grundierte Altersweisheit eines gerade 42-Jährigen. Diese Musik offenbart - auch hier besonders im wundervollen langsamen Satz - resignative Züge, als ahne sie, dass ihr die Zukunft nicht gehören werde.

In solchen Momenten empfindet man Regers Werk als adäquaten, starken Ausdruck seiner Zeit - jener in den Abgrund taumelnden bürgerlichen Endzeit am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Arnold Schönberg meinte, Max Reger müsse viel gespielt werden, weil "man noch immer nicht Klarheit besitzt". Das gilt bis heute.

* Max Reger: Streichsextett F-Dur op. 118, Klarinettenquintett op. 146

Sabine Meyer (Klarinette), Wiener Streichsextett (EMI 555 602)