Washington/Tallahassee

Es ist der Tag 15 nach der Präsidentschaftswahl, Amerika feiert Thanksgiving.

Millionen Familien versammeln sich um gefüllte Truthähne. Bei den Bushs dürfte die Stimmung einigermaßen aufgeraut sein: Florida zählt weiter, bis Montag, so hat es am Dienstagabend der Oberste Gerichtshof beschlossen. Doch auch die Gores werden nicht unbeschwert feiern können, denn bisher scheint es so, als würden die Nachzählungen in den drei umstrittenen Wahlbezirken nicht die erhofften Zugewinne ergeben.

Und die übrigen Amerikaner? Sie nehmen teil an der größten politischen Massenfortbildung der Geschichte. Wann sonst gab es auf einem halben Dutzend Kanälen zweieinhalb Stunden lang live die Anhörung aus einem Gerichtssaal zu sehen, in dem es nicht um Sex oder Mord ging, sondern um die Fristen für die Auszählung von Wahlzetteln? Dazwischen stellt CNN Quizfragen zur Geschichte der Präsidentschaft, und Politologen erörtern in Talkshows die Vor- und Nachteile des Wahlsystems. Soll es bleiben oder geändert werden?

Als Erste hatte sich Hillary Clinton mit der Forderung nach einer Wahlreform hervorgetan. Kaum war die First Lady zur Senatorin des Staates New York gewählt worden, schlug sie vor, das Wahlmännergremium Electoral College abzuschaffen. Doch das ist wohl nur eine langfristig wirksame Idee. Die Reform bedürfte einer Verfassungsänderung, für die je nach Verfahren eine Zweidrittel- oder gar Dreiviertelmehrheit nötig ist. Die kleinen Bundesstaaten - die im Electoral College leicht überrepräsentiert sind, was Bush jetzt den Vorteil gab - haben bereits signalisiert: mit uns nicht. Sie argwöhnen zu Recht, dass künftige Wahlkämpfer dann nur noch auf die bevölkerungsreichen Bundesstaaten starren würden. "Am Ende wird von der ganzen Reformdiskussion nicht mehr bleiben, als dass Florida sich mit Bundesgeldern neue Zählmaschinen kaufen darf", prognostiziert Lois Pines, eine ehemalige Senatorin in Massachusetts, die jetzt im Wahlkampfbüro von Gore arbeitet.

Das Wahlmännersystem wird man wohl beibehalten. Folglich werden sich Präsidentschaftswahlkämpfe auch in Zukunft auf jene Bundesstaaten konzentrieren, in denen die Demoskopen keinen klaren Ausgang vorhersagen können. Die anderen bekommen von den Bewerbern wenig oder gar nichts zu sehen - entsprechend niedrig bleibt dort die Wahlbeteiligung. In umkämpften Regionen wiederum müssen die Kandidaten einerseits ihre loyalen und ideologischen Interessengruppen mobilisieren, andererseits in einer ungeheuren Geld- und Anzeigenschlacht die Stimmen der Wechselwähler einfangen. In den politischen Lagern wird auch die Rolle der Medien neu diskutiert. Als Erster hatte der Republikaner Billy Tauzin, ein Abgeordneter aus Louisiana, gefordert, die Wahlkampfberichterstattung neu zu regeln.

Tauzin ist Vorsitzender des Telekommunikationskomitees im Repräsentantenhaus.