Ach! Am schönsten blühen die Blumen auf dem Grab unserer Illusionen.

Herbstfarbene Mutlosigkeit und fatalistisch dem Frost entgegenstarrende Schwermütterchen. Die germanistische Literaturwissenschaft hat sich in den vergangenen 30 Jahren angewöhnt, Günter Kunert als einen Virtuosen auf der Klaviatur des Weltuntergangs zu loben. Man bescheinigt ihm stoische Melancholie, und natürlich hat Kunert dem durchaus Vorschub geleistet mit seinen ziellosen Umtrieben und argwöhnischen Kommentaren zum Traum, der Leben heißt. In Kunerts Utopia gelangte bereits 1977 "keiner lebend", und nach seinem Auszug in den Westen schrieb er weiter Elegien im Plusquamperfekt.

Doch der Dichter ist kein gekränkter Idealist, seine Skepsis entspringt scharfem Verstand. Und Angriffslust! Letzte Woche höhnte Kunert, von 600 Mitgliedern im DDR-Schriftstellerverband habe es, "hochgegriffen", 20 gegeben, "die einen Bleistift halten konnten". Da schlägt einer Krach, der nie Krakeeler, aber Trauerkloß noch weniger war - man erinnere sich bloß, wie er 1982 polternd aus dem bundesdeutschen VS austrat. Auf dem Grab von Günter Kunerts Illusionen wuchert eben auch, unausrottbar seit den lästerlichen Mauerinschriften 1950, ein großer Kaktus.