Ein Flohmarktfund kann ungeahnte Musikhorizonte öffnen. Besonders wenn es sich dabei um ein Kuckucksei handelt. Wenn von der zerkratzten Scheibe mit den geheimnisvollen indischen Schriftzeichen nicht wie auf dem Cover angekündigt ernste Tablarhythmen erklingen, sich stattdessen honigsüße Sitartöne, Streicher und perlende Glockenläufe ins Ohr schmeicheln und eine samtweiche Männerstimme die Duettpartnerin zum Gesang lockt. Hinauf und hinab fliegen die wehmütigen Melodien, ein atemberaubendes Gurren, Schmettern, Tremolieren in unglaublichsten Höhenlagen und melismatischen Verzierungen.

Das kitzelt ganz ungeheuer in den europäischen Gehörgängen - welche Eindringlichkeit, welch ein Zauber!

Pop aus Indien: keine traditionelle Folklore, keine klassischen Ragas, sondern Musik aus indischen Kinofilmen. Filmmusik ist in Indien seit der Unabhängigkeit von 1947 außerordentlich populär. Dahinter steht ebenso eine riesige Kulturindustrie wie die Leidenschaft der einfachen Leute aus Städten und Dörfern, die sich, abgesehen vom Kinobesuch, keine Abwechslung leisten können. Filmsängerinnen wie die inzwischen 72-jährige Lata Mangeshkar werden dort als Volksheldinnen gefeiert. Innerhalb eines halben Jahrhunderts nahm sie so viele Songs auf, dass sie mit einem Weltrekord im Guinnessbuch vermerkt ist, im Internet finden sich seitenweise Tabellen - und doch kennt außerhalb asiatischer Länder kaum jemand ihren Namen. Möglicherweise ändert sich das nun - nach dem jüngsten Boom lateinamerikanischer und afrikanischer Musik in Europa - vor allem aber seit junge eurasische Musiker der Techno-Generation den indischen Filmpop in die Londoner Clubs brachten.

In Indien entwickelte sich der Film nicht wie in Europa und Amerika aus der Schauspiel- und Theaterkunst, sondern ist tief verwurzelt in den Riten des Tempeltanzes. Musik, Tanz und Gesang sind die zentralen Elemente in indischen Spielfilmen, seit sich in den vierziger Jahren die Tonfilmtechnik durchsetzte. Für kurze Zeit mussten die Schauspieler - wie im Musical - ihre Rollen spielen und singen, doch die hohe Kunstfertigkeit des indischen Gesangs führte bald zu einer ungewöhnlichen, weil von da an obligatorischen Rollenteilung: Für Gesangsszenen wurden Playbacksängerinnen und -sänger eingesetzt. Die große Emphase dieser Gesangsakrobatik verlieh Handlung und Charakteren ein Höchstmaß an Emotionalität und machte Lata Mangeshkar, Geeta Dutt, Asha Bhosle, Mohammed Rafi, Kishore Kumar und zahlreiche ihrer Kollegen berühmter als die Schauspieler selbst. Dies nicht zuletzt deshalb, weil sie, ohne optischen Anforderungen genügen zu müssen, bis ins hohe Alter im Geschäft bleiben konnten und weil sich allmählich ein enorm expansiver Tonträgermarkt entwickelte, der die Musik unabhängig vom Film verfügbar machte. So kam es, dass Filmmelodien bereits gesungen oder auf Kassetten gespielt werden, bevor der Film ins Kino kommt. Letztendlich untermalen die Filmbilder nur die Musik, im Gegensatz zur westlichen Kinokultur, die dem Soundtrack die dienende Rolle zuweist.

Stilmix im Playback und Gesangsgöttinnen des Films

Neben dem schrill-süßen Gesang ist vor allem die tollkühne Mischung aus westlichen und östlichen Musikelementen charakteristisch. Streicher, Westerngeigen, Hawaiigitarren, besonders beliebt scheinen Akkordeons, aber auch lateinamerikanische und arabische Einflüsse finden sich in den Filmen der Blütezeit bis Mitte der siebziger Jahre. Gerade das Plagiative, das unverfrorene Nachahmen fremder Stile, macht dabei den großen Charme aus.

Voller Nationalstolz werden Filmsongs unter Titeln wie Independent India's Greatest Hits kompiliert, während von alters her Krisen und Kriege, religiöse und gesellschaftliche Zerrissenheit dieses Land prägen. Vielleicht ist es die grenzenübergreifende Faszination, die euphorisierende Wirkung der hohen Gesangsstimmen, die der indischen Filmmusik auch in Afrika und den asiatischen Nachbarländern so viele Fans bescherte.