Um Ken Vandermark auf der Bühne zu sehen, fuhr ich Anfang November nach Wels, einer kleinen Stadt in Österreich, in der es drei Leuten gelingt, jeden Herbst im Alten Schlachthof ein Festival für unbeschränkte Musik zu organisieren. Ken wie? Die Nennung seines Namens verleitet auch in Jazzkreisen zur Nachfrage, wer das denn sei und woher und was der denn.

Ken Vandermark, der mit 36 noch aussieht wie ein Frischling am College, hat vergangenes Jahr den MacArthur-Preis gewonnen, ein Genie-Stipendium, das vor ihm nur Säulenheilige des modernen Jazz bekamen, Ornette Coleman, Cecil Taylor, Anthony Braxton, Steve Lacy, Max Roach. 265 000 Dollar ohne jede Verpflichtung!

Er könnte seine Dollars nun zur Bank tragen und sich zur Ruhe setzen. Sein Reflex geht in die andere Richtung. Vom Blues bis zum Funk, vom Bop bis zum Free Jazz reicht sein Spektrum. Verwirrend ist die Zahl seiner Projekte

er leitet in Chicago ein Trio, ein Quartett, ein Quintett, spielt auch im Duo und in großen Formationen, seine Diskografie, im Internet unter www.cs.nwu.edu/~tisue/vandermark/, umfasst über 60 Titel, alle paar Wochen erscheint eine Platte. Wer anfängt hineinzuhören, findet so schnell nicht wieder heraus - so frisch dieses Saxofon, so gefühlvoll, so vielseitig, so virtuos.

Am dritten Tag in Wels, der 14. Auflage von Unlimited, spielen The Vandermark 5: zwei Saxofone, Posaune, Bass und Schlagzeug, fünf junge, weiße Männer, einfach gekleidet, kurz geschoren, fast kahl

neben mir sagt jemand: "Die sehen ja aus wie aus dem Priesterseminar." In der Tat, kaum ein Lächeln hebt ihre Lippen

Ironie ist ihre Sache schon gar nicht. Sie haben alles, was man braucht, um auf Mission zu gehen - Glauben, Entschiedenheit, Hingabe, Verkündungsdrang. Bloß die Botschaft, die fehlt noch.