Sie nennen ihn "rebel with a cause" und sehen in ihm einen Mann, der "nicht zu Kompromissen aufgelegt ist". Für die englischsprachige Wirtschaftspresse gilt der Harvard-Absolvent und liberaldemokratische Exgeneralsekretär Koichi Kato schon lange als heimliche Nummer eins in Japan: Er ist ihr Cowboy im Land der aufgehenden Sonne, der den alten Parteibossen die Köpfe abschießt und auszieht, neue Märkte zu öffnen. "Kato könnte den Premierminister stürzen", vermutete das US-Magazin Business Week noch vergangene Woche.

Doch wo immer Japan so viele hehre Erwartungen bei westlichen Beobachtern weckt, bleibt es im Grunde unverstanden. Kato ist kein Cowboy, sondern Samurai.

Tatsächlich hielt der Samurai am Montag sein Land in Atem.

"Hundertprozentig", so sagte Kato am Morgen dieses Tages, werde er am Abend desselben für den Sieg eines parlamentarischen Misstrauensantrags der Oppostion gegen den amtierenden liberaldemokratischen Regierungschef Yoshiro Mori sorgen. Genau so hatte es Business Week geweissagt. Und dann würde der Reformer Kato den Blockierer Mori stürzen und selbst die Regierung übernehmen. Er würde anschließend die horrenden Staatsausgaben senken, die drangsalierte Telekommunikationsbranche deregulieren, weitere Märkte öffnen und sein Land aus der Krise führen. Japan wäre wieder obenauf. Nicht nur westliche Magazine, auch japanische Buchläden führen diese Rezeptur in etlichen Ausgaben. Doch sie wurden allesamt ohne den Arzt geschrieben.

Der aber zeigte am Montag, was gute japanische Politik ist. Dazu gehört die lang vorbereitete Inszenierung der beinahen Selbstauslöschung im Namen des Parteiinteresses zum Zweck späterer Beförderung - Kato vollzog sie meisterhaft. Da stand der angebliche Parteirebell, der in Wirklichkeit nur erster Diener seiner Partei sein will, am Montagabend wenige Minuten vor Beginn der Parlamentssitzung vor den Abgeordneten seiner LDP-Fraktion in einem Tokyoter Hotelsaal und weinte. Gerade hatte er gesagt: "Ich allein werde ohne euch ins Parlament gehen und dem Misstrauensantrag zustimmen." Nun kullerten Tränen über Katos bewegungslose Miene, während seine Anhänger auf ihn einstürmten, um ihn vom politischen Harakiri abzuhalten. "Du bist unser Anführer! Kehre um, bleibe bei uns!", riefen sie wie die Schergen eines Mafiabosses in einem berühmten Yakuza-Film - am Ende natürlich mit Erfolg.

Denn Kato kehrte um. Der angeblich Kompromisslose hatte tagsüber längst einen Kompromiss mit dem LDP-Patriarchen Hiromu Nonaka ausgehandelt. Vielleicht wird er eines Tages noch Premierminister von Nonakas Gnaden, dann freilich ohne Reformrezeptur. Keiner weiß das heute. Bei einer Zustimmung zum Misstrauensantrag aber hätte Kato seine Partei verlassen müssen. Der Antrag scheiterte übrigens in der Nacht zum Dienstag an 237 gegen 190 Stimmen.

Rebellen gibt es allenfalls in der Provinz, nicht in der LDP