Nach der kreuzbraven Dramatisierung von Michel Houellebecqs Roman Ausweitung der Kampfzone im Schauspiel Hannover (Fassung: Regina Guhl) darf man doppelt gespannt sein auf Frank Castorfs Version der Elementarteilchen desselben Autors an der Berliner Volksbühne (Premiere am 30. 11.). In Hannover muss man sich fragen, was Houellebecqs Aussagen von Mitteilungen in jenen Broschüren unterscheidet, die man am Kircheneingang für eine Mark erwerben kann und die junge Leute vor der Promiskuität warnen. Purer Sex ohne Liebe frisst die Seele auf, die Emanzipation liefert das Individuum dem deregulierten Fleischmarkt des Nachtlebens aus. Gewiss, das stimmt. Houellebecq sagt es mit unpsychologischer Rohheit. Sein kahler Stil ist existenzialistisch, seine Botschaft wirkt neu vor allem deshalb, weil er sie unter Informatikern angesiedelt hat. Pades Regie wirkt eine Viertelstunde lang neu, weil das Stück ins treppenreiche Theaterfoyer verlegt ist, wodurch eine Ahnung von enorm zeitgenössischem Bürorealismus entsteht. Da der Vorlage eine gewisse Krassheit im Benennen eignet ("Der Abteilungsleiter hatte einen Ständer", Frauen "haben ihre Organe geöffnet", leider nur für attraktive Männer), erscheint die Sache hinreichend radikal. In Wahrheit ist es nur ein zäh-erbaulicher Abend auf unbequemen Drehhockern.