Vor einem Jahr riss die Spendenaffäre Helmut Kohl und die Union in die Krise. Nun soll damit wirklich Schluss sein. Vielleicht ist das der erste Erfolg von Merkel, Meyer, Merz, dem neuen Trio an der Spitze der CDU: Die selbstmitleidigen Erinnerungen, mit denen der Altkanzler zum Jahrestag der Affäre aufwartet, rufen in der Partei kaum noch Irritationen hervor. Wenn Helmut Kohl mit der Veröffentlichung wirklich auf den kleinen CDU-Parteitag in Stuttgart zielte - mehr als Kopfschütteln hat er dort nicht ausgelöst. Ein wunderbares Jahr 1999, mit all den schönen, unverhofften Wahlerfolgen für die Union, ein desaströses Jahr 2000, jetzt soll es wieder aufwärts gehen, auf Biegen und Brechen, irgendwie. Das ist Konsens in der Partei. Und man sollte die wilde Entschlossenheit zum Aufbruch nicht unterschätzen: Sie könnte die CDU stärker verändern als die Krise, die jetzt beendet werden soll.

Großmäulig in der Form, unbestimmt in der Sache und jederzeit bereit, sich zum Lautsprecher sämtlicher Unmutsstimmungen zu machen, die man in der Bevölkerung vermutet, das scheint bis auf weiteres das Erfolgsrezept zu sein, mit dem die Parteiführung den Aufbruch in die Zukunft zu bewerkstelligen sucht. Man will sich nicht länger einschüchtern lassen von einer Bundesregierung, die die Krise der Opposition zur eigenen Konsolidierung genutzt hat. Mangels überzeugender Alternativen hält man sich mit eigenen Konzepten vorerst zurück. Der Raum zwischen den aggressiven Slogans des neuen Generalsekretärs und den weitschweifigen Grundsatzartikeln der Parteichefin bleibt leer. Umso begeisterter greift die Führung jetzt die Stimmungen auf, die ihr nutzbar erscheinen. Bei der Ökosteuer, bei der Rentenreform, in der Einwanderungspolitik.

Keine Frage, dafür gibt es einen Resonanzboden in der Gesellschaft. Und weil die Partei, die sich nach ihrer verheerenden Niederlage bei der Bundestagswahl vorgenommen hatte, irgendwann wieder "mitten im Leben" anzukommen, ein Jahr lang im eigenen Sumpf zubrachte, ist die Freude besonders groß, wenn die Kontaktaufnahme nach draußen wenigstens in Ansätzen zu gelingen scheint. Die Benzinwut, das Unbehagen gegenüber Fremden, die Angst vor materiellen Einschnitten: Das sind die "Brücken in die Gesellschaft", die die Partei jetzt schlägt. So war das Wort der Generalsekretärin Merkel seinerzeit zwar nicht gemeint. Doch der ursprünglich von ihr intendierte Öffnungs- und Erneuerungsdiskurs versandete in den Affären. Schnelle Erfolge waren von dieser Strategie ohnehin nicht zu erwarten. Stattdessen geht es jetzt zur Sache: hart, aggressiv und mit dem Gestus eines Selbstbewusstseins, das sich nicht aus tatsächlichen Erfolgen, sondern vorerst nur aus dem unbändigen Willen zum Erfolg speist.

Darin ist die Parteichefin Angela Merkel unbestrittene Meisterin. An ihrem Erfolgswillen und ihrer Zähigkeit zweifelt niemand mehr. Auch die beherzte Skrupellosigkeit, mit der sie ihren Weg geht, Schwächen überdeckt und Wendungen vornimmt, ist mittlerweile nicht mehr nur ein Markenzeichen, sondern offenbar auch ein Erfolgsrezept: Generalsekretär Ruprecht Polenz etwa musste weg, weil seine leise Art zur neuen Strategie nicht mehr recht passen wollte. Auch in der Nachjustierung ihrer Positionen ist die Parteichefin nicht zimperlich. Erst rügte sie Friedrich Merz, der über die Möglichkeit eines Ausländer-Wahlkampfes räsonierte und den Begriff "deutsche Leitkultur" in die Debatte geworfen hatte. Dann, als sie die positive Resonanz auf das Thema in ihrer aufbruchswilligen Partei erkannte, setzte sie sich an die Spitze. Keine Rede vergeht seither ohne emphatische Passage über das Vaterland. Im Kontrast zwischen dem anfänglichen Unwillen, sich auf die Leitkultur-Debatte ihres innerparteilichen Konkurrenten einzulassen, und dem Brustton der Überzeugung, mit dem sie sie jetzt einfordert, wird die Wendigkeit und der Selbstbehauptungswille der Vorsitzenden sichtbar.

Zielstrebigkeit und Machtwille, nicht Intellekt und Konzeption sind es, die ihr innerhalb und außerhalb der Partei Respekt eintragen. Friedrich Merz hingegen droht fast schon ein wenig in Vergessenheit zu geraten - nicht nur als glorreicher Urheber der Leitkultur-Debatte. Merz hat mit einigen dröhnenden Auftritten seine Stellung in der Fraktion gefestigt. Aber darüber hinaus gelingt es ihm kaum, seine Position zu verbessern. Immerhin, auch die Parteivorsitzende scheint realisiert zu haben, dass eine Konkurrenz zu Merz in der Fraktion derzeit chancenlos bliebe. Sie bescheidet sich - bis auf weiteres.

Bleibt Laurenz Meyer, die Neuerwerbung an der CDU-Spitze. Wer nach seinen Auftritten in den letzten Wochen dachte, der Mann sei nicht steigerungsfähig, sah sich in Stuttgart eines Besseren belehrt. Lauter, plumper und selbstgefälliger als der neue Generalsekretär hat sich noch keine Führungsfigur der Konservativen eingeführt. Die Stammtische, an denen Meyer sich nach eigener Aussage so gerne verstanden sehen will, scheinen wirklich der einzige Adressat seiner übermotiviert daherkommenden Ausfälle zu sein. 99 von 100 Delegierten gaben ihm ihre Stimme. Dennoch scheint auch in den Reihen der CDU-Funktionäre der neue Stil gewöhnungsbedürftig.

Wenn eine Partei über einen langen Zeitraum so unter Druck gestanden habe wie die CDU, "dann steigt ihr Bedürfnis, sich davon zu befreien, indem sie stärker auf den politischen Gegner einschlägt und sich einigelt. Darin steckt die Gefahr, dass die Lautstärke des Beifalls als Gradmesser des Erfolgs zählt." Das hat Wolfgang Schäuble gerade seiner Partei ins Stammbuch geschrieben. Dass solche Warnungen im entfesselten Führungstrio der Partei noch Gehör finden, dafür gibt es derzeit keine Anzeichen.