Geisterstunde in Manhattan, Hamlets toter Vater schaut nach dem Rechten.

Er materialisiert sich im Lift eines Hochhauses, und er huscht über die Monitore des Überwachungssystems. Bloß eine schnelle, grimmige Runde, dann ist der Alte wieder weg. Vor einem Getränkeautomaten löst er sich in Luft auf. Der Rest ist Pepsi.

Hamlets ermordeter Vater kann sich in Manhattan ungestört bewegen

die ganze Stadt ist dabei, sich in eine Geistererscheinung zu verwandeln. Mit einem Bein sind alle, die sich hier noch behaupten, schon drüben in einem anderen Leben: Ein elektronischer Gegenkosmos umwabert die Figuren, die ihren engsten Umgang nicht mit ihresgleichen haben, sondern mit Datenspeichern, mit Fax und Videokamera, mit Voicerecorder und Internet.

New York ist beim Regisseur Michael Almereyda eine samtige Benutzeroberfläche und alles Menschenleben bloß der farbige Abglanz obendrauf. Almereyda versetzt Shakespeares Hamlet aus einem Staat, in dem vieles faul war, ins entgrenzte Weltreich der Konzerne, in dem fast alles digital ist. Hamlet - The Denmark Corporation erweist sich als schlagende Illustration des Verdachts, es müsse in den Chefetagen unserer Konzerne zugehen wie in Shakespeares Königsdramen. Hier wird aus Dänemark ein Multimedia-Unternehmen, und die meisten Kämpfe spielen sich in den lichten Höhen der Virtualität ab: kodifizierte Wut, kristallisierter Hass.

Ethan Hawke, der erst 30 ist, spielt Hamlet. Wie legt er ihn an? Abgründig, irgendwo zwischen Kurt Cobain und James Dean. Prinz Hamlet bewegt sich mit dem hellsichtigen Überdruss eines ausgebrannten Popstars, er ist ein Kerl mit wunden Lippen und zu wenig Schlaf, der den Gedanken an Suizid wie zum Trost im Kopf bewegt: Hamlet, Prince of Loft-Land, ein in die Enge und in die Höhe Getriebener. Als er entdeckt, dass seine Mutter den Mörder seines Vaters geheiratet hat, nimmt er mit moderner Technik die Ermittlungen auf. Er überführt seinen Stiefvater Claudius (Kyle MacLachlan) nicht unter tätiger Mithilfe einer Schauspieltruppe, sondern mit einem selbst geschnittenen Kunstfilm.

Hamlet spricht seine Monologe vor einer Videokamera, die er mit ausgestrecktem Arm auf sein Gesicht richtet: Er schafft sein Innerstes hinüber ins Jenseits der Dateien. Wenn er Sehnsucht hat nach dem toten Vater (Sam Shepard), spult er den Recorder zurück, die alten Aufnahmen sind so gut wie eine Geistererscheinung. Im Sterben sieht Hamlet seine stärksten Lebensmomente auf Video. Die letzten Worte spricht der Anchorman eines TV-Senders: Hamlets Tod als breaking news, und Shakespeares Text zieht auf dem Teleprompter vorbei.