die zeit: Herr Professor Rürup, die Fünf Weisen raten den Gesundheitspolitikern, sich vom Ziel stabiler Lohnnebenkosten zu verabschieden. Normalerweise drängen Ökonomen auf Sparsamkeit, auf niedrige Steuern und Abgaben. Warum gilt das plötzlich nicht mehr?

Bert Rürup: Von Zielen wie Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit hat sich niemand verabschiedet. Nur sind steigende Gesundheitsausgaben in einer alternden Wohlstandsgesellschaft nicht grundsätzlich etwas Schlechtes.

Stellen Sie sich vor, die Deutschen würden plötzlich viel mehr Flugreisen buchen. Niemand käme auf die Idee, von einer "Explosion der Tourismuskosten" zu sprechen, sondern von geänderten Bedürfnissen in der Bevölkerung. Warum sollen die Menschen nicht auch mehr für Gesundheitsleistungen ausgeben?

zeit: Soll die Politik den Anstieg der Lohnnebenkosten einfach tolerieren?

Rürup: Steigende Gesundheitsausgaben sind vor allem wegen der Finanzierung über lohnabhängige Beiträge ein Problem. So richtig es ist, auf die Arbeitskosten zu schauen - eine Beitragserhöhung in der Krankenkasse hat andere Wirkungen als ein höherer Rentenbeitrag. Der Sachverständigenrat zur Konzertierten Aktion im Gesundheitswesen ist zum Ergebnis gekommen, dass eine Beitragserhöhung im Gesundheitswesen positive gesamtwirtschaftliche Beschäftigungseffekte hat. Schließlich fließen diese Mittel in eine sehr arbeitsintensive Wachstumsbranche.

zeit: Bei einer Flugreise bestimmt jeder selbst, zu welchem Preis er eine Leistung erwirbt. Wie können Sie wissen, ob die Menschen bereit sind, für eine bessere Gesundheitsversorgung tatsächlich mehr zu zahlen?

Rürup: In einem Solidarsystem mit Zwangsbeiträgen können Sie diese Frage kaum beantworten. Da hängen die Beiträge vom Einkommen ab, alle Versicherten haben Anspruch auf die gleichen Leistungen - das Prinzip von Angebot und Nachfrage gilt nicht. Wenn jeder sich privat versichern müsste und Art und Umfang der Leistungen selbst bestimmen könnte und die Beitragshöhe vom Krankheitsrisiko abhinge, hätten wir eine zielgenauere Versorgung. Aus ordnungspolitischer Sicht spricht deshalb viel für solch einen Systemwechsel - nur bedeutet ein derartiger Wechsel einen kaum zu leistenden politischen Kraftakt. Eine Alternative wäre, den Bereich der solidarisch finanzierten Leistungen auf eine hochwertige Grundversorgung zu begrenzen, diese effizienter als heute zu organisieren und darüber hinausgehende Leistungen über private Zusatzversicherungen zu finanzieren.