Josef Joffe: Die erste Frage drängt sich bei unserem Thema geradezu auf: Gibt es eine Kontinuität, die sich von der Armee Wilhelms II. über die Reichswehr zur Wehrmacht zieht?

John Röhl: Ein weithin unbekanntes Zitat von Sigmund Freud paraphrasiert dieses Thema aufs schönste. Im September 1939, kurz vor seinem Tod in London, sagte er: "Wenn der Erste Weltkrieg nicht gewesen wäre, dann hätte Deutschland einen Führer bekommen, der noch viel schlimmer gewesen wäre als Hitler."

Das erstaunt uns heute. Man muss jedoch bedenken, dass Freud den späteren Hitler, den Hitler des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust, nicht kannte, sondern den anscheinend etwas milderen Hitler der Vorkriegszeit. Das Zitat wirft für mich aber die Frage auf nach der "Flugbahn", auf der sich das Kaiserreich am Beginn des Ersten Weltkriegs befand. Wie hätte das Kaiserreich 1936 oder 1938 ausgesehen, wenn es den Bruch durch den Krieg, die Abdankung Wilhelms II. und die Republik nicht gegeben hätte?

Joffe: Was meinen Sie selbst?

Röhl: Wenn ich die Armee betrachte, bin ich immer wieder verblüfft zu sehen, welche Ähnlichkeiten sich sofort ergeben im Verhältnis zwischen dem Obersten Kriegsherrn Wilhelm II. schon um 1890 und seiner Generalität einerseits und dem Verhältnis zwischen Adolf Hitler und der Wehrmachtsspitze nach 1938 andererseits. Da ist schon 1890 ein Byzantinismus, der einem eine Gänsehaut macht. Auch die Zeitgenossen haben Gänsehaut bekommen, als sie das sahen.

Wilhelm machte nach ihrem Urteil die alte preußische Armee, die alte Generalität, den alten preußischen Korpsgeist kaputt.

Joffe: Herr Wette, leuchtet Ihnen dieses Bild von der "Flugbahn" ein?