Wie sich die Bilder gleichen: Am Weihnachtsabend 1959, so erinnerte vor ein paar Wochen eine große Tageszeitung, wurden die Synagoge und ein Mahnmal in Köln von zwei Mitgliedern der Deutschen Reichspartei, einem Vorläufer der heutigen NPD, mit Naziparolen beschmiert. Danach kam es in der gesamten Bundesrepublik, aber auch in anderen europäischen Staaten zu Übergriffen auf jüdische Einrichtungen und Privatleute. Allein für Deutschland verzeichnete ein "Weißbuch" der Bundesregierung bis Mitte Februar 833 solcher Taten. Für diese Tageszeitung nun legt dieser "sprunghafte Anstieg der Kriminalstatistik ... den Schluß nahe, daß Aufgeregtheit von Politikern und Medien über symbolische Schändungen Täter eher zur Nachahmung anreizt, als daß sie abschreckend oder dämpfend wirkt." Und die Zeitung fügt hinzu: "Ein näherer Blick in die amtliche Dokumentation der Vorkommnisse zeigt zudem die Neigung, selbst kleine Vorkommnisse aufzubauschen."

Ganz anders hat das Paul Celan gesehen. Nicht nur, weil er vor Augen hatte, dass kurz vor Weihnachten 1959 durch den Bundestag ein Gesetzentwurf zum Tatbestand der Volksverhetzung zurückgestellt worden war und dass das gleiche Gremium, um den Schmierern keine Publizität zu geben, es abgelehnt hatte, über die Ereignisse zu diskutieren: "Täglich", meldet Celan am 20. Februar 1960 an Nelly Sachs, "kommt mir die Gemeinheit ins Haus, täglich, glauben Sie's mir. Was steht uns Juden noch bevor?"

Drei Monate später wurde dem Verfasser des epochalen Shoah-Gedichtes Todesfuge die Nachricht zugetragen, dass ihm der Büchner-Preis verliehen worden sei. Dies geschah gerade, als er beim S. Fischer Verlag Gespräche führte, wie dem Vorwurf von Claire Goll zu begegnen sei, den sie Ende April in einer sich antinazistisch gerierenden Münchner Literaturzeitschrift, Der Baubudenpoet, erhoben hatte: Celan habe ihren verstorbenen Mann, Ivan Goll, plagiiert - der Anfang einer lang anhaltenden, teilweise äußerst aggressiven Pressekampagne, die in die Annalen als "Goll-Affäre" eingegangen ist. Celan selbst hingegen hat nur von "der Infamie" gesprochen: Dass die Anschuldigungen von deutschen Tages- und Wochenzeitungen weitgehend ungeprüft aufgegriffen wurden, war für ihn Zeichen desselben Antisemitismus, der seine Eltern im Konzentrationslager gemordet hatte.

Nicht wenige selbst unter den Freunden glaubten in dieser Diagnose den Ausdruck einer krankhaften Überempfindlichkeit sehen zu müssen. In der Tat hat Celan nicht einmal diejenigen, die ihm beigestanden haben, von dem Vorwurf ausgenommen, "daß das wiederkommt", aber ihm war zu Zeiten klar, dass er damit "die Fassung verloren" hatte. Ebenso ist es richtig, dass sich Celan seit Ende 1962 mehrfach jeweils für längere Zeit in stationäre psychiatrische Behandlung begeben musste. Doch bekunden derartige Krankheiten nur etwas über den Kranken?

Aufmerksamkeit ist das natürliche Gebet der Seele

Dass Celan erst durch die öffentliche Diskussion um den Plagiatvorwurf krank gemacht wurde, ist der Ausgangspunkt von Barbara Wiedemanns Paul Celan - Die Goll-Affäre. Dokumente einer "Infamie". Ein Buch, das ermöglicht zu verstehen, was es für Celan hieß, als Dichter an der zur Sprache der Mörder gewordenen Muttersprache festzuhalten und deutschen Boden zu betreten.

"Aufmerksamkeit ist das natürliche Gebet der Seele" - getreu diesem von Celan in der Büchner-Preisrede Der Meridian zitierten Satz von Malebranche mutet schon der Umfang des Buches dem Leser einiges zu: 860 Seiten mit Dokumenten, mit klein gedruckten, um der Genauigkeit willen auch Redundanzen in Kauf nehmenden Kommentaren und mit einem ausführlichen Schluss-Essay - eine beeindruckende Leistung geduldiger und kenntnisreicher Philologie.