Das Herz des Stücks schlägt im Zauberwald. Bächlein murmeln, Tauben gurren, ein Myrtenbaum reckt seine Krone stolz empor. Die Idylle, hat Jean Paul einmal gesagt, sei das Vollglück in der Beschränkung. Prompt erscheint der Mensch. Erst er - ein überaus tapferer christlicher Ritter, jedoch in heidnischen Liebeshandel verstrickt und kriegerisch gesinnt, die Myrte zu fällen, den Zauberbann zu brechen

dann sie - balsamische Wohlgerüche verströmend und von lieblichsten Klängen umgarnt. Allein, er scheint auf nichts Sinnliches zu reagieren, spricht nur mehr beiseite über schwer keuchenden Synkopen: "Träum' oder wache ich? Ist dies Armida, oder sehe ich ein Gespenst?" Und will doch tatsächlich Hand an den geheiligten Baum legen.

Da reißt ihr, der Geliebten, der Zauberin, der Geduldsfaden. Furien schickt Armida ihrem Rinaldo für seine Untreue, seinen feigen Gehorsam. Fagotte, Hörner, Naturtrompeten spucken förmlich Feuer, die Streicher zittern wie Espenlaub. Als poche das Jüngste Gericht an die Tür, als sei das Ende der klassischen Welt gekommen.

Rund 25 Minuten Musik hat Joseph Haydn hier zu Beginn des dritten Aktes seiner Armida gewissermaßen durchkomponiert. Wie in Trance gleiten opulent ausgestaltete Accompagnato-Rezitative, kurze Arien und freie Instrumentalabschnitte ineinander, über- und aneinander vorbei. Die Strukturen scheinen sich zu verflüssigen, der strenge Kanon der Opera seria zeigt sich mürbe. Und also war es gar nicht so verkehrt, hier unwillkürlich an die Wolfsschlucht in Webers Freischütz zu denken? Haydns Neigung, "lieber musikalische Formen zu entwickeln, als dramatische Situationen darzustellen" (wie der Musikologe Ludwig Finscher es liebevoll formuliert) und seine Kunst "der unendlichen Nuancierung" katapultieren das dramma eroico weit über jede konventionelle Grenze hinaus - mitten hinein in die Zukunft der Gattung.

Eine Musik, so plastisch und so beredt, so gestenreich und von solch tiefem, abgründigem Witz, dass man seinen Ohren nicht traut: Und das soll keine genuine Theatermusik sein - in jenem aufgeklärten Sinn nämlich, in dem sich anderthalb Jahrhunderte später Richard Strauss, Alban Berg, Ferruccio Busoni und Kurt Weill höchst fruchtbar mit der herrschenden Opernästhetik ihrer Zeit auseinander setzten?

Armida, 1784 am Hoftheater Fürst Nikolaus' des Prachtliebenden im ungarischen Eszterháza uraufgeführt, war Haydns erste abendfüllende Seria und mit 53 Aufführungen zugleich seine erfolgreichste Oper überhaupt. Nikolaus Harnoncourt belegt mit seinem Live-Mitschnitt aus dem Wiener Musikverein, dass es damit wohl seine Richtigkeit hatte. Ob pastorale Genreszenen oder heroischer Schlachtenlärm: Der Concentus Musicus Wien artikuliert ebenso präzise wie lustbetont, nicht der kleinste musikalische Affekt geht ihm verloren, geradezu seismografisch werden dynamische Schwankungen notiert.

Auch die Sänger der Aufnahme wagen sich in Grenzland vor: Selten hat man Christoph Prégardien (Rinaldo) rhetorisch versierter gehört, schien Cecilia Bartoli mehr dem dramatischen und weniger dem rein belcantistischen Ausdruck verpflichtet. Vom ersten Ton an weiß diese Armida um ihre Ohnmacht. Rau, fast strohig tönen die Koloraturen. Harsch ist der Gestus.