Droht neues Heidentum vom Bodensee? Soeben hat Salomon Korn einen zwei Jahre alten Text Martin Walsers ausgegraben, und er fand dort die Aufkündigung der "ethischreligiösen Grundlagen des europäischen Wertekonsenses". Walser hatte in einem von der Neuen Zürcher Zeitung im Novemer 1998 publizierten Text über die Kosten jenes abtrakten und universalen Gottesbildes nachgedacht, das dem jüdischen und dem christlichen Glauben zugrunde liegt. Walser will ein Moment von Gewalt in solcher Entzauberung der Welt erkennen. Herrschaft über die Natur, Verleugnung ihrer sinnlichen Nähe sieht er im jüdisch-christlichen Universalismus, und ziemlich kühn sagt er: "Bloß keinen auf Demokratie frisierten Monotheismus!" Etwas Grünes spielt auch herein im Lob der Natur als "Inbegriff des Lokalen, des Hiesigen" gegen die Übermacht der Globalisierung.

Korn nennt das "Heidentum" und zieht eine Linie zu Walsers trotzigem Beharren auf der Individualität des Gewissens, wie er sie in seiner Frankfurter-Friedenspreis-Rede postulierte. Nun ist diese Unmittelbarkeit des Gewissens zu Gott zwar sehr unkatholisch, aber gewiss nicht heidnisch, sondern vielmehr augustinisch oder lutherisch: Das Ich und sein Gott brauchen keine Vermittlung durch Gesetz oder Institutionen. Dahinter steht bei Walser allerdings auch das Vertrauen, "dass der andere nicht anders ist als ich".

Salomon Korn, der an den Angriff der Nazis aufs Christentum erinnert, hat uns mitten in einen theologischen Disput geführt, und dass das heute geht, ist das eigentlich Bemerkenswerte an seiner Polemik. Bis gestern war jeder zweite Intellektuelle stolz darauf, ein "Ketzer" zu sein. Über den Vorwurf des "Heidentums" hätte man vor 20 Jahren noch die Achseln gezuckt. Postmoderne galt jüngst noch als fröhliche Wiederkehr des Polytheismus. Säkularisierung war unser Schicksal, Teil des Projekts der Moderne, angestoßen übrigens von der jüdisch-monotheistischen Entzauberung der Welt. Und den Nationalsozialismus verstand man nicht als Angriff auf den jüdisch-christlichen Universalismus, sondern als Ausdruck der Dialektik der Aufklärung.

Jetzt ist also das "Heidentum" als politisch-moralische Kategorie wieder da.

Der Kommunismus als innerweltliche Verheißung ist erledigt. Mehr denn je erscheint der Holocaust als negative Heilsgeschichte. Zugleich stehen wir moralisch unbewaffnet vor der rätsellos entzifferten Natur. Und da triumphieren theologische Begriffe. Der Intellektuelle der Stunde ist Kardinal Ratzinger. Das ist die geistige Situation der Zeit. Allein, glauben und beten, das können wir so recht nicht mehr.